Wilhelm Leibl, "Hüftbild eines Knaben", 1885

Wilhelm Leibl, "Hüftbild eines Knaben" 1885

Wilhelm Leibl, "Hüftbild eines Knaben" 1885

Ein Bauernbub, bekleidet mit einer dunkelbraunen Hose mit breiten roten Hosenträgern und einem grauem Hemd, einem schwarzen Hut auf dem schmalen Kopf, sitzt in einer Stube auf einer Bank. Links hinter ihm ist gerade noch ein Fenster angeschnitten, rechts steht ein Kachelofen. Der Siebzehnjährige, dessen bartloses Gesicht noch ganz kindlich wirkt, heißt Michael Ebersberger. Er stammte aus Kutterling und war der Bruder von Marie, die Wilhelm Leibl ebenfalls Modell saß. 1891 starb der Junge an Schwindsucht.

Wilhelm Leibl zeigt uns hier die Quintessenz seiner Malerei, der „reinen Malerei“ wie er und sein Kreis, zu dem neben Johann Sperl vor allem Theodor Alt, Rudolf Hirth du Frênes, Carl Schuch, Hans Thoma und Wilhelm Trübner gehörten, sie verstanden. Nicht das „was“, das Motiv war entscheidend, sondern das „wie“, die malerische Umsetzung und das Kolorit.

Als typischer Vertreter des Realismus sah Leibl sich stets der ungeschminkten Wiedergabe der Wahrheit verpflichtet. Er zeigte allerdings seine Bauernmodelle nicht bei der alltäglichen Arbeit, sondern arrangierte sie im Sonntagsstaat in der Stube und gestaltete so seine Bilder grundlegend anders als sein großes französisches Vorbild Gustave Courbet (1819-1877).

Der Mensch stand stets im Mittelpunkt des Schaffens des gebürtigen Kölners und so dominieren das Porträt und die bäuerliche Genreszene. Ausgehend von der Ton-in-Ton-Malerei der alten Niederländer klammert ein übergeordneter Grauton die Einzelteile dieses Bildes zusammen.

1883 war Johann Sperl (1840-1914), der Freund seit Münchner Akademiezeiten, zu Leibl in sein neu erbautes Wohnatelier in Aibling gezogen und widmete sich ganz der Landschaftsmalerei. Seit Jahren schon mied Leibl den Kunstbetrieb in der Großstadt und lebte lieber auf dem Lande, kleidete sich gerne in Trachtenjoppe und Lederhose und gab den Kraftmenschen mit rheinischem Dialektsingsang.

Nicht uninteressant sind die Stationen des Bildes mit dem Bauernjungen. Zuerst befand es sich in Würzburg. Zu dieser Stadt hatte Leibl enge Verbindungen, hierher hatte seine Schwester Katharina Kirchdorffer geheiratet, hier verbrachte die verwitwete Mutter Maria Gertrud ihren Lebensabend. Der Maler besuchte sie regelmäßig und hier starb der schwer Herzkranke 1900 auch. Auf dem Würzburger Hauptfriedhof wurde Leibl beerdigt und sein alter Freund Johann Sperl wurde nach seinem Tod 1914 ebenfalls in diesem Grab beigesetzt.

1908 kam das „Hüftbild eines Knaben“ aus dem Kirchdorfferschen Familienbesitz in die Münchner Galerie Heinemann, wo es der Wiener Hermann Eißler erwarb. Doch schon im Jahr darauf ging es wieder in die Galerie Heinemann zurück. 1911 kaufte es schließlich der bedeutende Berliner Sammler Otto Gerstenberg, dessen Tochter Margarethe Scharf es nach seinem Tode 1935 erbte.

Zwei Jahre später beauftragte Margarethe Scharf, die sich mittlerweile von ihrem Mann getrennt hatte, den Architekten Hans Scharoun mit dem Bau einer modernen Villa. Zur Finanzierung ihrer Zukunftspläne gab die Erbin einige ausgewählte Werke aus der umfangreichen Kunstsammlung in den Verkauf. So landete das Leibl-Bild am 6. September 1937 wieder in München in der Galerie Heinemann. 1937, das war das Zäsurjahr der NS-Kunstpolitik durch die Trennung in „Entartete Kunst“ und – vereinfacht gesagt – „Blut- und Boden“-Kunst. Aus öffentlichen Museen und privaten Sammlungen wurden vor allem expressionistische Kunstwerke beschlagnahmt, in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ an den Pranger gestellt und schließlich in einer Versteigerung in der Schweizer Galerie Fischer in Luzern zu Devisen gemacht. Kunst, die Hitler gefiel, und er hatte hier einen sehr konservativen Geschmack und bevorzugte das 19. Jahrhundert, wurde europaweit aufgekauft, aber auch geraubt und konfisziert. Eine führende Rolle spielte dabei der Kunsthändler Karl Haberstock und er war es auch, der im Dezember 1937 das „Hüftbild eines Knaben“ für 20.000 RM bei Heinemann kaufte. Wilhelm Leibl war als „Bauernmaler“ völlig missverstanden worden und sein Werk wurde in der NS-Kunstideologie und bei ihren verbrecherischen Vertretern hoch geschätzt. Haberstock verkaufte das Bild schließlich für 31.000 RM an die Reichsleitung der NSDAP unter Reichsleiter Martin Bormann.

Am 8. Juli 1944, anlässlich der Eröffnung der Sommerschau des Kunstvereins Rosenheim in der Städtischen Galerie, übergab Reichsleiter Philipp Bouhler Leibls „Hüftbild eines Knaben“ als Geschenk Adolf Hitlers an die Stadt Rosenheim. Damit sollten zwei Jubiläen geehrt werden, der 100. Geburtstag von Wilhelm Leibl und die 40 Jahre des Bestehens des Rosenheimer Kunstvereins. Seither befindet sich das Bild in den Beständen der Städtischen Galerie.

Vor einem Jahr war der Leiblsche Bauernbub für ein paar Monate nach Würzburg zurückgekehrt, als die Stadt Würzburg in der Ausstellung "Rein malerisch - Wilhelm Leibl und sein Kreis" im Museum im Kulturspeicher an die Malerfreunde erinnerte.

Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 688; Öl auf Holz; Signiert und bezeichnet unten rechts „W. Leibl/1885“; Bild Höhe 58 cm, Breite 39,5 cm; Rahmen Höhe 86 cm, Breite 68 cm; am 8. Juli 1944 als Geschenk von Adolf Hitler an die Stadt Rosenheim in die Bestände der Städtischen Galerie gekommen.

Literatur: Rosenheimer Anzeiger vom Montag, 10. Juli 1944, S. 3: „Der Führer schenkt der Stadt Rosenheim einen Leibl“. Eberhard Ruhmer: Der Leibl-Kreis und die Reine Malerei. Rosenheim 1984. Ausstellungskatalog Wilhelm Leibl und sein Malerkreis. Städtische Galerie Rosenheim. Stadt Rosenheim, Kulturamt (Hrsg.), 1985. Klaus J. Schönmetzler: Wilhelm Leibl und seine Malerfreunde. Rosenheim 1994. Die Historische Sammlung Otto Gerstenberg. Eine Publikation der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg. Band I Essays, Band II Sammlungsverzeichnis. Herausgegeben von Julietta Scharf und Hanna Strzoda in Zusammenarbeit mit Janina Dahlmanns. Ostfildern 2012.