Fritz Harnest, "Pronaos", 1973

Kräftiges, klares Rot drängt aus dem Hintergrund nach vorne, konkurriert mit den zarten blauen, grünen und blattweißen Linien, die die Kanneluren antiker Säulen spielerisch umsetzen. Diese Säulen scheinen zu tanzen, zu flirren in einem südlichen Licht. "Pronaos" nennt Fritz Harnest (1905 München - 1999 Traunstein) seinen großformatigen Farbholzschnitt aus dem Jahre 1973. Pronaos, das ist die Vorhalle eines griechischen oder römischen Tempels, die sich mit einer Säulenstellung nach außen hin öffnet. Die Rückwand bildet der Naos, der hermetisch abgeschlossene Kultraum mit seinen dicken Mauern und der Tür, durch die nur die Priester schreiten dürfen. Die gefurchten Säulen des Pronaos bilden eine optische Schranke zum Allerheiligsten.

Fritz Harnest, "Pronaos", Farbholzschnitt auf zwei Bögen Japanpapier, 1973

Fritz Harnest, "Pronaos", Farbholzschnitt auf zwei Bögen Japanpapier, 1973

1972 war Fritz Harnest, dessen 110. Geburtstag 2015 gefeiert werden kann, schwer erkrankt. Nur mühsam konnte er sich erholen, sich wieder der Malerei und dem Holzschnitt, seinen beiden bevorzugten Techniken zuwenden. Unter großer körperlicher Anstrengung rang nun der geborene Münchner, der 1922 bei Karl Caspar an der Münchner Akademie die Farbe als ganz neues Erlebnis vermittelt bekommen hatte, den quadratmetergroßen Fichtenbrettern die Linien und Strukturen ab. Die Maserung des Holzes bezog der bedeutende Vertreter der Abstrakten Kunst ganz bewusst mit ein. Mit dem Falzbeil rieb er die Farben vom Druckstock auf das Japanpapier. Jeder Abzug ein Unikat.


Vor dem Krieg hatte Fritz Harnest bereits eine ganze Zahl kleinerer schwarz-weißer Holzschnitte mit Figürlichem in leicht abstrahierten Formen erstellt. Ab Anfang der 1950er Jahre entstanden dann farbige Holzschnitte, die Figürliches nur mehr anzitierten, um sich zunehmend der Auseinandersetzung mit Form und Farbe stellen zu können. Ab 1960 setzte der Künstler bevorzugt große Formate ein und erläuterte dies in einem Zitat von 1974 zu seinem Gemälde "Säulenbrüche I" von 1972: "Die Größe ist einfache Lebensform, in der die Farbe zur Sprache kommt. Die große Form und die große Farbe drücken die Selbstverständlichkeit der Existenz aus - und das Bedürfnis geht weiter, ausdrückliche Formen der Existenz zu finden. Es geht darum, solche Flächen den Menschen hinzustellen, dass sie damit und darum herum leben wie mit einer Seite einer 'Mit-Architektur'." (Harnest 2007, S. 26)


Also auch hier die Säule als Motiv, wie in "Pronaos". Wilhelm Neufeld (1908-1995), Freund und Drucker, Begründer der Methusalem Presse, hatte sehr klar erkannt, dass die Säule als die Vertreterin der Senkrechte schlechthin ein zentrales Motiv im Schaffen von Fritz Harnest ist. "Von den späten Bildern her kann man es sehen: die Senkrechte, Weltgebärde der ersten Stunde, ist von Anbeginn Harnests Bildern immanent: den vielformigen Blättern, den salomonisch-melodiösen Holzschnitten und Collagen, Rebus mit den dunkelheiteren Silben: in ihnen bereitet sie, die Vertikale, sich schon vor; in den schwarzen Schnitten des Schülers ist sie schon verborgen. Sie träumt durch die Jahre in den Partikeln von Farben und Formen als Säule, die sich griechisch, aus griechischem Licht, aufrichten wird, Feste des Lebens feiernd, Zeichen der Zuversicht und der Beständigkeit, gebündelt, mit anderen Figuren einer Sphäre gepaart, allein, auch gebrochen und im Echo der Andeutung; im Frühlicht und bis in die dämmernde Nacht." Wilhelm Neufeld 1981 (AK 1982, S. 4)


Um 1972 und 1973 beschäftigte sich Fritz Harnest intensiv mit dem Thema "Pronaos" und es entstanden mehrere Varianten in verschiedenen Farbstellungen wie einem kräftigen Pink zu feinen schwarzen Linien oder gedämpftes Rot zu Ocker. Doch nicht nur die Farben veränderten ihren Dialog zueinander. Harnest schnitt auch von Variante zu Variante den Druckstock leicht um, modifizierte das Spiel der Linien. 1988 entstanden die letzten Holzschnitte überhaupt, da "ihm im Alter der Aufwand jener Handarbeit zu schwer wurde" wie der Enkel Stephan Harnest im Werkverzeichnis im Internet ausführt.


Über Fritz Harnest kann man kaum sprechen ohne seine Frau Mutz Harnest mit einzubeziehen. Ältere Kunstfreunde kennen noch das vertraute Bild, das die beiden anlässlich eines reichen Ausstellungsgeschehens im Chiemgau, in Bayern, aber auch in Europa gaben. 1935 hatte Fritz Harnest die gebürtige Hamburgerin Gertrud "Mutz" Ellermann (1902-1991) geheiratet, die ebenfalls bei Karl Caspar an der Münchner Akademie studiert hatte, und die als Lehrerin über viele Jahre das Einkommen der Familie sichern musste. Den Münchner Kulturbetrieb im Dritten Reich mieden die beiden immer mehr und zogen sich schließlich 1937 nach Übersee an den Chiemsee zurück, wo die beiden Söhne Joseph (1937-1999) und Ulf (Jg. 1938) geboren wurden. Hier in dieser Ecke der reichen Künstlerlandschaft Chiemsee fand die Familie Harnest eine neue Heimat und gute Freunde wie Willi Geiger (1878-1971) und Rupprecht Geiger (1908-2009) oder Walter Brendel (1923-2013).


Fritz Harnest, 1945 Teilnehmer an der ersten freien Kunstausstellung Deutschlands in Prien am Chiemsee und 1959 der documenta 2 in Kassel, war nach dem Krieg konsequent seinen Weg vom Figurativen in die Abstraktion gegangen, ohne sich auf das Informel beschränken zu lassen, und stellte das Thema "Form und Farbe" ins Zentrum seines vielfältigen Schaffens.


Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 2900; Farbholzschnitt auf zwei Bögen Japanpapier, alte Klebung hat sich gelöst; Signiert unten rechts "Harnest"; Nummerierung unten links 4/8; Blattgröße je Höhe 55 cm, Breite 79 cm, Stockgröße Höhe 100 cm, Breite 77 cm; Zugang 1982 aus der Ausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim.
Literatur: Ausstellungskatalog: Mutz & Fritz Harnest - Zeichnungen, Bilder, Holzschnitte. Städtische Galerie Rosenheim 1982. Stephan Harnest: Fritz Harnest - Zeitgenossen, Umfeld und Freunde. Übersee am Chiemsee 2005. Joseph Harnest, Stephan Harnest, Peter Schunda: Fritz Harnest - Das eigene Ringen um die Kunst. Übersee am Chiemsee 2007. Werkverzeichnis der Holzschnitte im Internet, gepflegt von Stephan Harnest:
http://www.harnest.de/holzschnitt/holzschnitte.htm (Zugriff Juli 2015).