Leo von Welden, "Französisches Paar", 1960

Wir erblicken ein Paar, das eng nebeneinander steht, aber einen direkten Kontakt vermeidet. Der Mann hat beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben, die Frau die ihre vor dem Körper ineinander gelegt. Der Mann blickt den Betrachter an, die Frau schaut seitlich in die Ferne. Ein Paar und irgendwie kein Paar. Die beiden Personen heben sich durch die überwiegend braune und dunkelrote Kleidung kräftig vom hellen Untergrund ab, der durch seine Gelb- und Grüntöne etwas leicht Giftiges ausstrahlt.

Leo von Welden, "Französisches Paar", Mischtechnik auf Papier, 1960

Leo von Welden, "Französisches Paar", Mischtechnik auf Papier, 1960

Das Bild malte Leo von Welden 1960. Zu dieser Zeit beschäftigte sich der expressive Realist intensiv mit dem Thema "Paar" und variierte das Motiv durch mit Bildern wie "Adam und Eva", "Tanzpaar", "Liebespaar", "Brautpaar", "Ehepaar" oder auch "Seminarist und Kokotte". Der Titel des Bildes gibt mit "Französisches Paar" einen Hinweis auf die Dargestellten. Richtig, bei genauerer Betrachtung erkennen wir, dass der Mann eine Baskenmütze und feste Holzschuhe, sogenannte Sabots, trägt. Die kurzärmelige weiße Bluse und der weite Rock der Frau mögen dazu passen, entziehen sich aber einer eindeutigen Zuordnung. Leo von Welden ist nicht an einem realistischen Trachtenbild interessiert. Er buchstabiert zu dieser Zeit Paare als zwei Seiten einer Medaille, als Yin und Yang sozusagen, durch. Ihn interessieren Gegensätze und Vereinbarkeiten, Formen und Farben, expressionistische Bildlösungen mit starker Wirkung.


Das "Französische Paar" verweist auf eine bestimmende und prägende Phase im Leben des Künstlers. Leo von Welden wurde 1899 in Frankreich geboren, in Paris. Hier im Künstlerviertel Montmartre wuchsen er und sein ein Jahr jüngerer Bruder Emil auf. Die Eltern unterhielten sich auf Deutsch mit den beiden. Die Mutter kam aus der Oberpfalz, der Vater, ein eleganter Schriftsteller und Sportjournalist, war aus den USA, wohin seine Eltern Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem württembergischen Laupheim ausgewandert waren, wieder nach Europa zurückgekehrt. In der Schule sprachen die beiden Französisch und auf der Straße sowieso. Hier im Viertel der Bohème waren sie unterwegs. Entdeckten die Gassen und Häuser zwischen so unterschiedlichen Landmarken wie dem Vergnügungslokal Moulin Rouge, der Kirche Sacré-Cœur, wo sie einige Zeit ministrierten, und dem Bateau-Lavoir, wo der noch unbekannte Pablo Picasso wohnte und bei dem sich bald alle versammelten, die damals zur Avantgarde zählten. 1907 wurde hier der Kubismus entwickelt.


Schon früh zeigte sich das zeichnerische Talent von Leo und als Dreizehnjähriger besuchte er bereits die Académie Julian, die damals bedeutendste private Kunstakademie der Stadt. Im Louvre konnte er ausgiebig Bilder alter Meister studieren und so waren es vor allem französische Künstler, die sich dann in seinem späteren Werk niederschlagen sollten. Das waren die galanten Rokoko-Figuren von Watteau, die Fabulierlust von Delacroix, die grotesk-karikaturenhaften Menschendarstellungen von Daumier oder die vitalen Farben von Courbet.


Den Weg, der sich hier in eine künstlerische Laufbahn so klar vorzuzeichnen schien, unterbrach jäh der Erste Weltkrieg 1914. Die Welden zählten plötzlich zu den deutschen Feinden. Der Vater, als Spion verdächtigt, floh in die Niederlande, wo er 1922 sterben wird, ohne seine Familie nochmals gesehen zu haben. Die Mutter wurde mit den beiden Söhnen an der Atlantikküste in einem Lager interniert und nach qualvollen sieben Monaten konnten sie endlich nach München übersiedeln. Dass Leo dann in Deutschland als Staatenloser geführt wurde, hinderte das Kaiserreich nicht daran, den Achtzehnjährigen zum Kriegsdienst in Nordfrankreich bei Laon einzuberufen.


Nach dem Krieg griff Leo von Welden zielstrebig in München, seiner neuen Heimatstadt, seine Künstlerkarriere wieder auf, besuchte zuerst die Malschule Knirr und von 1920 bis 1925 die Akademie der Bildenden Künste bei den Professoren Jank und Schinnerer.


Wieder war es ein Krieg, der die Weichen im Leben des Künstlers neu stellte. Als die Münchner Atelierwohnung im Oktober 1943 ausgebombt worden war, viele Werke des freischaffenden Künstlers gingen dabei verloren, zog Leo von Welden mit Frau und Tochter in den Raum Aibling. Hier sollte er dann, mit wechselnden Wohnorten, eine neue Heimat finden. Hier sollte er dann zu seinem ganz eigenen, expressiven Stil finden.


Als 1951 Heribert Losert, Karl Prokop, Friedrich Rio Lange und Hans Waiblinger in Rosenheim die "Gruppe 51" gründeten, als Protest auf eine reaktionäre Haltung des Kunstvereins, schloss sich ihnen Leo von Welden schnell an. Legendär wurden die Künstlerfeste und Malreisen dieses Freundeskreises. Die erste Tour in den Süden führte 1953 nach Rom. Als der Bus in den Dolomiten eine Pause einlegte, entdeckte Leo von Welden einen etwas abseits sitzenden jungen Mann, der die Berglandschaft fleißig skizzierte. Es war der ganz junge Heinz Kaufmann und mit den Worten "Da sitzt ja noch ein Maler!" holte ihn der Leo in den Freundeskreis.


Der nicht minder junge Rolf Märkl suchte von sich aus den Kontakt zu der Gruppe und klopfte einfach eines Tages bei Karl Prokop in der Herbststraße an. Noch ganz unter dem Eindruck des plötzlichen Todes von Leo von Welden stehend (1967 Bad Aibling), modellierte Märkl in einer Nacht den Kopf seines Freundes. In Bronze gegossen zeugt er noch heute von einem eigenwilligen und selbständigen Charakter.


Im Januar 1967 war Leo von Welden das letzte Mal in seinem geliebten Paris. Fotos zeigen ihn wie er mit Karl Prokop und Hans und Nana Waiblinger über den Montmartre streift und hinter Sacré-Cœur Bilder junger Künstler begutachtet, die diese dort zum Verkauf anbieten. Wie zum Abschied wirft er einen letzten Blick hinunter auf die französische Metropole, die im warmen Licht der untergehenden Sonne vor ihm liegt.

 

Dr. Evelyn Frick

 

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 3850; Mischtechnik auf Papier; Signatur unten rechts "Welden"; Höhe 61 cm, Breite 43 cm; auf der Rückseite Fehldruck in Schwarz mit Schrift "1958 Kennt Ihr den neuen Laden Kreutzberger Dirndlstube Textil" und Szenerie von Kunden, die in das Geschäft drängen. Leo von Weldens zweite Frau Josefa "Jo" Kreutzberger führte in Bad Feilnbach ein Geschäft mit Stoffen und Kurzwaren. Zugang im Mai 2011 als Teil einer Schenkung der Tochter Tine Schwaiger-Welden.
Literatur: Ingrid von der Dollen: Leo von Welden 1899-1967. Das Bild als Bühne. Malerei und Grafik. Tutzing 2008. Evelyn Frick: Leo von Welden und die Gruppe 51. Komm' ein bisschen mit nach Italien. Skriptum zur Ausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim, Dezember 2010 bis Januar 2011.