Andreas Opperer & Brigitte Reich, "Tir-Orchesta von BRAND", 1991, Edition Hundsdruck

Eine "Kröte pustet Flöte", eine "Maus tanzt Radio", eine "Giraffe singt Arie", eine "Schnecke schlägt Xylophon", ein "Huhn klimpert Flügel" und ein "Zebra streicht Bratsche". Auf den ersten Blick erscheint hier eines der beliebten Tier-ABCs, wie sie seit dem 19. Jahrhundert gerne für Kinder veröffentlicht wurden. Doch dann wird man stutzig.

"Tir-Orkesta von BRAND" von Brigitte Reich und Andreas Opperer, "Edition Hundsdruck", Rosenheim 1991; Druck von Original-Linolschnitten

"Tir-Orkesta von BRAND" von Brigitte Reich und Andreas Opperer, "Edition Hundsdruck", Rosenheim 1991; Druck von Original-Linolschnitten

Die tanzende Maus hat doch tatsächlich eine Mausefalle auf dem Rücken und das Wort "Speck" mit einem Pfeil zerstreut jeden Zweifel über die Darstellung. Und was macht eine Qualle bei der Giraffe? Spätestens jetzt wird klar, wir haben hier ein ganz ungewöhnliches "Tier-Orchester", dessen Akteure uns schmunzeln und nachdenken lassen. Eine rote Bildunterschrift klärt den staunend-verblüfften Betrachter über die fantasievollen Tiere und ihre Instrumente auf.


Erdacht und gedruckt wurde die bibliophile Kostbarkeit in der Rosenheimer "Edition Hundsdruck", einer wahren Künstlerpresse, die die beiden gelernten Schriftsetzer und Buchdrucker Brigitte Reich und Andreas Opperer 1991 gegründet hatten. In diesen Anfangsjahren mussten eine alte Druckpresse und ein paar Setzregale in einem Kellerraum ausreichen. Die gepflegte Satz-, Druck- und Buchbinderwerkstatt für künstlerisch anspruchsvolle Handpressendrucke mit Bleisatz und Originalgrafiken konnte sich das Ehepaar erst später neben ihrem Wohnhaus im Rosenheimer Stadtteil Heilig Blut einrichten.


Brigitte Reich (geboren 1965 in Großkarolinenfeld) klärt über die Hintergründe auf: "BRAND sind die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen: Brigitte und Andreas. Woher der Name und die seltsame Schreibweise Tir-Orkesta kommt, will mir nicht mehr einfallen. Bestimmt kamen Anregungen von anderen alten Büchern, die Andreas in der Buchbinderei (wo er damals lernte) und wo viel restauriert wurde, gesehen hat. Daher auch die altertümliche Anmutung einer Fibel und das Muster des Überzugpapiers. Es gibt keine literarische Vorlage. Das Konzept entwickelten wir spielerisch. Auf jedem Bild sollte ein Tier und ein Instrument sein, ein Rahmen gleicher Größe darum herum und keine Wiederholung der Verben. So haben wir eines nach dem anderen geschnitten und hatten unsere Freude an dem Spiel."


Die sechs Linoldrucke gehören mit sechs weiteren Linoldrucken zur kleinen Vorauflage des später gedruckten Malbuches für Kinder. Hier findet sich auf der letzten Seite im Impressum der Hinweis "Die Autoren Brigitte Reich und Andreas Opperer würden gern ein ausgemaltes Tir-Orkesta zu Gesicht bekommen." Ob sie sich tatsächlich über Seiten gefreut hätten, die von Kinderhänden kräftig überschmiert worden sind, soll zumindest offen bleiben. Glücklicherweise haben die Eltern die Qualität und die Rarheit dieses feinen Bändchens aus der "Edition Hundsdruck" erkannt und es eher für sich gekauft.


Aufschlussreich ist die Präsentation von vier der verwendeten Linolschnittplatten. Sie lassen in der Gegenüberstellung mit den Abzügen den Werkprozess erahnen und demonstrieren anschaulich wie der Formschneider für den Druck, hier handelt es sich um einen Hochdruck, spiegelverkehrt denken muss.
Was hier so harmlos als Buch "zum Ausmalen für Kinda" daherkommt, überrascht auf jeder Seite mit frechem Humor und feinem Wortspiel. Womit wir bei Andreas Opperer wären, einem Meister des Hintersinnigen, Doppelbödigen und Absurden. Mit seinem feinen Gespür für Worte, Wortklang und Bilder kreierte er in seinen Illustrationen oder in den legendären "Brandmeldekarten" ungewöhnliche, irritierende oder verblüffende Verbindungen zwischen Wort und Bild, also Sprache und Gegenstand. Manchmal erschloss sich einem der Sinn nicht sofort, aber war der Groschen einmal gefallen, stellte sich, je nach persönlichem Charakter, leises Schmunzeln oder lautes Losbrüllen ein.


2004 erhielten Brigitte Reich und Andreas Opperer den Kulturförderpreis der Stadt Rosenheim für ihre Leistungen auf dem Gebiet der Buchkunst sowie Druckgrafik und für ihr Engagement im Rahmen kunstpädagogischer Arbeit mit Kindern. Kunstfreunde und Liebhaber von Originalgrafik und bibliophilen Schätzen konnten das Schaffen der beiden zuletzt 2009/10 in einer "Kabinett-Ausstellung" in der Städtischen Galerie Rosenheim anlässlich der Retrospektive zum 85. Geburtstag von Gertruda Gruber-Goepfertova kennen lernen.


Zwei Tage nach seinem 50. Geburtstag starb Andreas Opperer 2010 nach schwerer Krankheit. In einer Schau im Kunstverein Rosenheim 2011 erinnerten Brigitte Reich und Künstlerkollege Martin van Bracht an einen Künstler, der in seinem Schaffen weit über das hinausging, was ein Schriftsetzer und Buchdrucker gewöhnlich leistet. "Hundsdruck", das waren Brigitte Reich und Andreas Opperer. Folgerichtig stellte die Edition nach nicht ganz 20 Jahren ihren Betrieb ein. Neuerscheinungen wird es nicht mehr geben. Die Landschaft bibliophiler Raritäten ist ein Stück ärmer geworden.


Dr. Evelyn Frick


Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Vorauflage des gebundenen Malbuches für Kinder "Tir-Orkesta von BRAND" von Brigitte Reich und Andreas Opperer, "Edition Hundsdruck", Rosenheim 1991; Druck von Original-Linolschnitten, Auflage fünf Exemplare, Pappband, Umschlag mit selbstgefertigtem Kleisterpapier überzogen, gelbes gedrucktes Titelschild; Schrift: Garamond mager; Höhe 23,5 Zentimeter, Breite 17 Zentimeter; mit 12 Abbildungsseiten enthält die Vorauflage 5 Linoldrucke weniger als das spätere Buch; Erwerb Dezember 2016.