Helmut Dirnaichner, "Apulische Erde", 1998

Ein kräftiges Rot, das ins Orange spielt, zieht den Betrachter magisch an. Was ist das, ein Bild oder eine Skulptur? Welches Material? Dann dieses auf der Spitze stehende Dreieck, ein archaisches Zeichen. Wie entstand das? Eine Ritzung? Nein.

Helmut Dirnaichner, "Apulische Erde", Papierschöpfung aus Zellulose und Erde aus Apulien, Italien; 1998

Helmut Dirnaichner, "Apulische Erde", Papierschöpfung aus Zellulose und Erde aus Apulien, Italien; 1998

Die raue Oberfläche würde man am liebsten betasten, erfühlen, mit den Fingerkuppen den kleinen Unebenheiten, den Grübchen und Knötchen nachspüren. Der unregelmäßige Rand erinnert irgendwie an handgeschöpftes Büttenpapier. Das ist der richtige Hinweis. Tatsächlich handelt es sich um einen "Schöpfungsakt".


Helmut Dirnaichner (1942 geboren in Kolbermoor) liebt das Handfeste. So fragil seine Arbeiten wirken, so kräftig und durchaus handwerklich ist ihr Entstehungsprozess. Da mag bei dem Meisterschüler von Günter Fruhtrunk an der Akademie der bildenden Künste in München durchaus noch die Ausbildung an der Fachschule für Holzbildhauerei in Oberammergau durchschimmern. Es ist gerade dieser sehr direkte Umgang mit dem Material, der Erde, dem Stein, dem Holz, das das Werk Dirnaichners auszeichnet.


Der Kunsthistoriker Ulrich Bischoff formulierte recht anschaulich, wie das bayerische Voralpenland den Künstler als Kind und Jugendlichen prägte: "Das Moor als Gedächtnis der Erde, als Ort, an dem vergangenes Leben aufbewahrt, konserviert ist, in dem Ablagerungen verschiedenster Herkunft durch Wasserabschluß zu einem neuen Material zusammenwachsen, ohne ihre eigene Identität völlig zu verlieren, hat bestimmenden Einfluß ausgeübt." ("Die Gesichter der Erde - Arbeiten von 1978 bis 1986". In: Dirnaichner 1986, S. 30-38)


Helmut Dirnaichner liebt Italien. Seit 1978, als ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ihm einen Studienaufenthalt in Mailand ermöglichte, lebt er hier; teils in Mailand, teils in Apulien. Inzwischen ist der Künstler, der heuer seinen 75. Geburtstag feiern kann, auch immer wieder in München, immerhin der "nördlichsten Stadt Italiens".


In Italien muss auch suchen, wer die Entwicklungsspuren von Dirnaichner entdecken möchte. Ausgangspunkt waren dünne Linien, die der heute renommierte Künstler noch ganz unter dem Eindruck von Fruhtrunk vorsichtig aufs Papier setzte. Dann klatschte der ständige Experimentierer und Neulandbeschreiter 1979 in seinen "Lavori sul muro" (Arbeiten auf der Mauer) nasses Büttenpapier an die alte Mauer der aufgelassenen Kirche von Merate, einem kleinen Ort bei Mailand, die ihm als Atelier diente. Das hatte etwas Magisches. In einer logischen Folge entwickelte sich der nächste Schritt: handgeschöpfte Papiere mit schwarzem Pigment eingefärbt. Dann Pigmentpapiere ohne Leim, die sich in einer alchimistischen Aktion 1982 im Hamburger Regen auflösten.


Logisch auch der nächste Schritt: eine Melange aus Zellulose und Erde. Aber nicht irgendeine Erde, sondern die rote Erde Apuliens, die durch Hämatit, einem Eisenoxid, ihre charakteristische, kräftige Farbe als "Rotocker" erhält. Dirnaichner transformiert die Erde, hebt sie hervor und bettet sie ein. Die Erde wird so zum Material und Bild zugleich. Im wortwörtlichen Schöpfungsprozess des Papierschöpfens, die Drähte des dafür nötigen Siebes sind auf der Rückseite deutlich zu sehen, macht der Künstler die apulische Erde zur Kunst und lässt uns nachdenken über Erde, Ursprung und Mythos. Wohl wissend, dass auch schon der Mensch der Steinzeit farbige Erden für seine Rituale und seine Kunstschöpfungen (Höhlenmalerei) benutzte.
Im nächsten Schritt beschäftigte sich Dirnaichner mit Erden aus Spanien und Mexiko, die er wie ein Konservator und Spurensucher in seinen Werken sublimierte. Da war es wohl nur noch ein kleiner Schritt zu den wertvollen Steinen, dem Lapislazuli, dem Malachit, dem Jaspis oder dem Türkis. Sie geben Dirnaichners weiteren Werken ihre kostbare Farbigkeit, ihre Transzendenz. Mit ihnen bannt er den Kosmos ins Papier.


Seit Anfang der 1970er Jahre kann Helmut Dirnaichner seine Schöpfungen in zahlreichen Ausstellungen präsentieren, in der Städtischen Galerie Rosenheim zuletzt 2012 in "Gleitflug" zusammen mit Peter Pohl und Reinhard Klessinger. 1997 war es "trasparente", die die Galeriebesucher staunen ließ über die Farben und das Licht. Als Dankeschön für diese Ausstellung schenkte Helmut Dirnaichner der Städtischen Galerie das nun aktuell aus dem Depot ausgewählte Werk.


Doch lassen wir den Schöpfer der "Apulischen Erde" selbst zu Wort kommen:


"Die Arbeit Apulische Erde aus dem Jahr 1998 ist Teil von einem Zyklus mit Formen aus der Natur, den ich 1998 im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl ausgestellt habe (Titel der Ausstellung: »Helmut Dirnaichner, Erdsäulen«). Der Zyklus ist entstanden aus der Auseinandersetzung mit Erde, mit dem Neuschöpfen und der Entfremdung der Natur, in Fortsetzung eines gedanklichen Zusammenhangs, wie ich ihn seit 1982 in meinen Werken mit apulischer Erde entwickelt habe. Schon beim Schöpfungsprozess wird die Erde mit Zellulose verbunden. Das Dreieck, entwickelt aus der Astgabelung, habe ich erstmals 1986 verwendet, als Beitrag zu der von der Galerie Hoffmann, Friedberg/Hessen kuratierten Ausstellung »Die Ecke«. Die Dreiecksform ist eine Astgabelung, die ich mit einem weiteren Zweig zum Dreieck schließe. Die Form wird beim Schöpfen in das Sieb gelegt und zeichnet sich beim Trocknen erhaben ab, das Blatt erhält so seine Plastizität. Ich habe das Wasserzeichen vor allem als Oval verwendet (entstanden aus dem gebogenen Olivenzweig, in dem sich die Form der Olive widerspiegelt). Die Verwendung des Wasserzeichens habe ich seit 1982 immer wieder aufgenommen, wenn auch nicht so häufig, deshalb ist die Rosenheimer Arbeit ein außergewöhnliches und rares Blatt geworden. Die Unregelmäßigkeit des Umrisses entspricht den natürlichen Formen, wie sie in meinem Umfeld in Apulien zu finden sind. Beim Schöpfen der apulischen Erde mit Zellulose entsteht eine starke, archaische Oberfläche. Sie erinnert in ihrer zerklüfteten Struktur an die Karstlandschaft des südlichen Salento, einer Gegend, in der ich mich seit 1979 lange aufhalte und die stark geprägt ist von der griechischen und messapischen Kultur." Helmut Dirnaichner, März 2017

 

Dr. Evelyn Frick


Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 3431; Papierschöpfung aus Zellulose und Erde aus Apulien, Italien; Entstehungsjahr 1998; Werkverzeichnis Dirnaichner Nr. 9826; rückseitig rechts unten bezeichnet und signiert: "9826 H. Dirnaichner 98"; rückseitig Hängeschlaufe angebracht; Höhe 70 Zentimeter, Breite 58 Zentimeter, Tiefe 12 Millimeter; 1999 Schenkung des Künstlers an die Städtische Galerie.


Helmut Dirnaichner sei herzlich gedankt für den Text, den er aktuell zu dieser Präsentation im März 2017 erarbeitete und per Email zusandte.


Literatur: Helmut Dirnaichner: Atla. München 1986. Helmut Dirnaichner: Oltremare. Kiel 1989. Helmut Dirnaichner: Das Leichte und das Schwere. Nürnberg 1993. Helmut Dirnaichner: transparente - Steine, Lichtfelder, Räume. Nürnberg 1997. Helmut Dirnaichner: Sassi volanti. München 2000. a Contrappunto. Rivista arbitraria di cultura. Presicce (Lecce), Italien April 2001. Helmut Dirnaichner: Die Leichtigkeit der Steine. Dachau 2007.