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August Seidel

Ernteszene bei Brannenburg

Richtung Süden, hinein ins Inntal, schauen die Betrachtenden beim Blick auf August Seidels Ölstudie einer Ernteszene. Über ein sattgelbes Kornfeld und eine lockere Reihe von Büschen und Bäumen, die den Lauf des Förchenbachs markiert, schweift der Blick auf einen bewaldeten Hügel links (Biber) und vier Züge hintereinander liegender, dunstig-blauer Berge überspannt von einem leicht bewölkten Spätsommerhimmel (mit dem Zahmen Kaiser in der Ferne, gefolgt vom Wildbarren, dem Mittelberg in der Mitte, dem Madron davor und rechts abschließend dem Großen Riesenkopf mit der Maiwand). Das Feld wird gerade abgeerntet: Die mit langen Röcken, roten oder blauen Miedern, weißen Blusen und schützenden Hüten bekleideten Helferinnen im Vordergrund verrichten ihre schwere Arbeit tief gebückt. In der Ferne sind weitere Menschen und ein Erntewagen nur als Farbtupfer angedeutet.

Der Münchner Maler August Seidel und das Inntal

Der 1820 geborene Künstler August Seidel besuchte von 1836 bis 1838 die Münchner Akademie der Bildenden Künste und unternahm danach zusammen mit verschiedenen Künstlerkollegen zahlreiche Studienreisen durch Bayern und Tirol. Die Brannenburger Künstlerkolonie und das Inntal waren ihm besonders ans Herz gewachsen: Nach seiner Akademiezeit hielt er sich dort mehrfach auf und im Rahmen einer seiner beiden ausgiebigen Inntalreisen (1840 und 1848) auf den Spuren seines großen Vorbilds Carl Rottmann, dürfte die hier vorgestellte Ölstudie entstanden sein.

Leben und Arbeiten in der Natur als Idylle

Die Ölstudie spiegelt ein Bemühen um „Naturwahrheit“, das sich im Festhalten flüchtiger Licht- und Wetterphänomene manifestierte. Die Figuren fügen sich, dank Farbharmonie und Überschneidungen, im Bildraum harmonisch in die Kulturlandschaft, die gleichzeitig ihre Lebensgrundlage bildet: Mit Bedacht zeigt Seidel hier den Vorgang der Ernte, welcher den Einklang von Mensch und Natur besonders anschaulich verdeutlicht. August Seidel gelingt es in seiner leuchtenden Ölstudie, der harten Arbeit der Erntehelferinnen etwas Idyllisches abzugewinnen.

Die auf Studienreisen in Prima-Malerei (nass in nass) rasch hingeworfenen, kleinformatigen Ölstudien auf Papier waren von den Künstlern ursprünglich nur als Gedächtnisstützen für repräsentative Ausstellungsbilder gedacht und blieben als Hilfsmaterialien im Atelier. Erst in den 1880er Jahren entstand eine Sammlergemeinde, die an solchen Studien nicht nur ihren überraschend modernen Charakter schätzte, sondern auch die individuelle Pinselschrift. Daher wurden viele dieser Blätter gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Karton aufgezogen, nachsigniert und als Gemälde verkauft.

Großzügige Schenkung an die Städtische Galerie

2024 kam die „Ernteszene bei Brannenburg“ durch die Schenkung einer hochkarätigen Oberaudorfer Privatsammlung in den Bestand der Städtischen Galerie Rosenheim und war zusammen mit einer vorbereitenden Bleistiftskizze in der Ausstellung „Sehnsuchtsblaue Ferne!“ (Dezember 2023 – Mai 2024) erstmals öffentlich zu sehen.

(Text: Dr. Frank Meißner, Forschungsstelle August Seidel)