Heinrich Kirchner, „Der 7. Schöpfungstag“, 1963
Salingarten Rosenheim
Heinrich Kirchner, Der 7. Schöpfungstag, Bronze, 1963
Die Plastik entstand nach Studien über die Beziehung zwischen Mensch und Tier, wie sie Kirchner schon früh beschäftigt hat. Im Gegensatz zur gängigen Mensch-Pferd-Darstellung ist der „7. Schöpfungstag“ kein Reiterbild. Der Mensch steht neben dem Tier, was – ohne Zügel – die Gleichberechtigung zwischen den beiden Lebewesen verdeutlicht.
Formsprache
In zahlreichen Modellen und Vorstudien arbeitete Kirchner die Haltung und Position der Figuren heraus. Genannt hat er diese zunächst nur „Mann mit Pferd“. In den Modellen stehen die Figuren auf einer flachen Plinthe, also einer Fußplatte, anders als die Großplastik im Salingarten, die zusätzlich auf einem Sockel aufbaut. Dieser Sockel ist mit Symbolen versehen, die auf der Vorderseite von links nach rechts die Schöpfungstage versinnbildlichen.
Sockel
Im ersten Symbol, dem ersten Tag, erscheint vermutlich Gott in menschlicher Gestalt mit einem Dreieck, einem Kreuz und einer Taube. Das Dreieck als Verbindung zwischen Himmel-Erde-Mensch, das Kreuz als Glaubenszeichen und die Taube als Friedenszeichen werden durch die viereckige Umrahmung zur Einheit.
Für den zweiten Tag ist ein Fünfeck zu sehen, in dem ein Lot herabhängt. Dies könnte die Berührung von Himmel und Erde darstellen und damit die Entstehung der Erde selbst. Das mittlere Feld steht für den dritten Tag und zeigt eine Pflanze mit Wurzeln, die Entstehung der Erdoberfläche, neuen Lebens. Am vierten Tag wurde das All geschaffen, das Umfeld der Erde, symbolisiert durch Sonne, Mond und Sterne, und am fünften Tag schließlich das Leben, hier angedeutet durch Fische und ein Tier.
Das letzte Relief zeigt die Wiederholung des ersten Tages in leichter Variation mit einer menschlichen Figur.
Als siebter Tag sind der Mensch und das Pferd als lebensgroße Vollplastiken auf dem Sockel dargestellt. Die Zeichen auf der Rückseite wiederholen sich ebenfalls in sechs Abfolgen. Sie sind durch Rahmen voneinander abgegrenzt. Alle zeigen zwei sich einrollende Linien, dazwischen ein Phallussymbol.
Zwischen diesen gerahmten Feldern sind jeweils drei „Samenfäden“ zu sehen, mit denen Kirchner wohl auf den Schöpfungsakt an sich verweisen wollte. Die Verbindung zwischen Himmel-Erde-Mensch war dem Künstler immer wichtig gewesen. Seit der Zeit des Nationalsozialismus fühlte er sich dem Christentum verbunden und drückte seine Hoffnung auf die Kraft des Glaubens für den Frieden auch in seinen Arbeiten aus. Zunehmend wurden seine Figuren abstrakter und auf wenige klare Gesten konzentriert. Erste Sätze und literarische Zitate verstärkten den Ausdruck. Bei der Amtskirche stieß Kirchners freie bildnerische Darstellung der biblischen Geschichte jedoch in der Regel auf Unverständnis.
Siebter Tag
„Der 7. Schöpfungstag“ versinnbildlicht – ähnlich frei – die Harmonie zwischen Mensch und Tier. Das Pferdunterwirft sich nicht und wird nicht unterworfen. Es steht stark und aufrechten Hauptes neben dem Menschen.Der Mensch ist im Gegensatz zur Darstellung im Modell bekleidet. Kirchners Rezeption der Idee des unbekleideten „neuen Adam“, wie er eine vergleichbare Figur von 1963 betitelte, wurde auf Vorgabe der Stadt Rosenheim durch ein archaisierendes Gewand verhüllt. Die Hände an den erhobenen Armen sind sorgfältig ausgearbeitet und dem Betrachter wie segnend zugewandt. Wie die meisten Figuren Kirchners hat auch „Der 7. Schöpfungstag“ eine Hauptansichtsseite. Die Figuren sind auf den Betrachter ausgerichtet.
Tier und Mensch strahlen Ruhe, Kraft sowie eine ungemeine Offenheit und Sympathie aus, die, ähnlich wie Marianne Lüdickes „Ruhe“,den Salingarten positiv prägen.
Künstler
Heinrich Kirchner wurde am 12. Mai 1902 in Erlangen geboren. 1924 bis 1932 Bildhauerstudium, u.a. mit Toni Stadler, Anton Hiller und Fritz Wrampe, an der Kunstakademie München, der École des Beaux Arts und der Académie Julien, daneben Ausbildung zum Zeichenlehrer an der Technischen Universität München. Ab 1932 Leiter der Bronzegusswerkstatt an der Akademie München, 1939 bis 1945 Kriegsdienst und Gefangenschaft, ab 1952 Professur an der Akademie München. 1965 bis 1969 Leitung der Bildhauer und Bronzegusskurse an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg. 1970 Ende der Lehrtätigkeit und Umzug in den alten „Fischerhof“ in Pavolding. Ab 1975 Einrichtung des „Skulpturengartens“ für Plastiken Kirchners in seiner Geburtsstadt Erlangen. 1976 Heirat mit der langjährigen Assistentin und Bildhauerin Katharina Klampfleuthner. Gestorben am 3. März 1984, begraben auf der Fraueninsel.
Nahezu Kirchners gesamtes Werk besteht aus im Bronzegussverfahren hergestellten figürlichen Plastiken. Seit 1959 halfen ihm dabei sein Sohn Fritz aus erster Ehe mit Margarete Rasch, seine Tochter Michaela und sein Schüler, der Bildhauer Paul Fuchs. Lediglich die Arbeiten der späten Jahre sind teilweise aus Bronzeplatten zusammengeschweißt oder genietet.Zu seinen Schülern gehörten auch die Rosenheimer Bildhauer Rolf Märkl und Erika Maria Lankes. Bereits 1950 erhielt Kirchner den Kunstpreis der Stadt München sowie in der Folge zahlreiche weitere Auszeichnungen, wie 1952 den ersten Preis der Bildhauerausstellung Düsseldorf. Ab 1953 Mitgliedschaft in der Akademie der Schönen Künste in München und der Akademie der Künste in Berlin. 1979 Kulturpreis der Stadt Rosenheim, 1982 Ehrendoktorwürde der Katholischen Theologischen Fakultät der Universität Bamberg.