Karl Stange, Felsenbrunnen, 1908
Busbahnhof
Karl Stange, Felsenbrunnen, 1908, natürliche Bruchsteine
Beidseitig durch Fußwege umschlossen und von Bäumen gesäumt, war er ein beliebter Treffpunkt und Spielplatz für Jung und Alt. Der Wandel Rosenheims veränderte die Stadt und auch der Felsenbrunnen blieb von Veränderungen nicht verschont.
Gartenstadtbewegung
Der Brunnen entstand im Zusammenhang mit der um 1900 aufkommenden Hinwendung zur Natur. Die als Gartenstadtbewegung bezeichnete städtebauliche Strömung galt als Reaktion auf die schlechten Wohnverhältnisse in den stark wachsenden Städten. Es wurden Siedlungen propagiert, welche auch in der Stadt wieder ein Leben im Grünen ermöglichten. Karl Stange, ein Rosenheimer Stadtgärtner, errichtete den Felsenbrunnen bereits im Jahre 1908 als Felsenarrangement mit Wasserfall. Am offen laufenden Stadtbach sollte der Brunnen die Nähe Rosenheims zum Gebirge symbolisieren, deshalb wurde er auch der „Alpine Brunnen“ genannt. Elektrisch beleuchtet, bot er einen „feenhaften Anblick“, so ein Zeitgenosse. Viele Rosenheimer, vor allem wohl die ehemaligen Schüler der beiden anliegenden Schulen, einer Knabenund einer Mädchenschule, blicken auch heute gerne zurück und erinnern sich an ihre Geschichte, die sie hier erleben durften.
Rosenheim im Wandel
Das „Auf-den Brunnen-Kraxeln“ war zwar schon damals nicht erlaubt, aber kaum jemand konnte dem widerstehen. Doch mit dem Fortschritt, der in Rosenheim Einzug hielt, begann sich auch das Stadtbild zu verändern. Um die wachsende Stadt versorgen zu können, errichtete man 1970 direkt neben dem Brunnen ein Trafohaus. Dass der aus Sichtbeton gegossene Koloss so dicht neben den Felsenbrunnen gesetzt wurde, ist wohl nur mit Pragmatismus zu begründen. Damals zählten die Kosten und die Geschwindigkeit der Umsetzung mehr als die Nachhaltigkeit und die Erhaltung des Stadtbildes. Später wurde versucht, mit der Altlast künstlerisch umzugehen. Eine leuchtende Hülle umschließt nun den Betonklotz („Blue Cube“ von Oliver Hein seit 2002, Folge unserer Serie).
Verwahrlosung
Das Leiden des kleinen Felsenarrangements aber nahm kein Ende. Als im Mai 2000 mit dem Bau eines neuen Parkhauses und des daran angegliederten Volkshochschulgebäudes begonnen wurde, war das Kind bereits in den – hier nicht nur sprichwörtlichen – Brunnen gefallen. Die Planung reizte den begrenzten Raum bis an seine Grenzen und noch etwas darüber aus. Der damals natürlich verlaufende Stadtbach findet sich nun eingezwängt in einer Betonrinne wieder, und die damalige Großzügigkeit der Brunnenanlage ging verloren. Auch die Bäume, die aus dem Ensemble fast einen Park machten, wurden durch die einengende Bebauung in Mitleidenschaft gezogen. Im Laufe der Zeit musste eine Kastanie nach der anderen entfernt werden. Der kräftige Wasserschwall, der den Brunnen früher speiste, ist versiegt. Wegen des baufälligen Gesamtzustandes und Undichtigkeiten musste die Pumpe abgestellt werden. Heute gehen wohl vor allem die älteren Rosenheimer mit gemischten Gefühlen an dem Brunnen vorbei. Zum einen sind es die vielen schönen Erinnerungen, die mit diesem Platz verbunden sind, zum anderen stimmt der aktuelle Zustand des Felsenbrunnens wehmütig und die Verbauung, die mit dem Trafohaus begann und mit Parkhaus, Bus-Terminal und VHS-Gebäude endete. Vergleicht man historische Fotos mit der aktuellen Situation, so scheint es, als wäre der Brunnen versetzt worden. Die Umgebung ist unaufhaltsam an den Brunnen herangewachsen und droht, den spärlichen Rest, der noch übrig ist, zu überwuchern.
Heute werden die Felsbrocken in der Ecke von vorbeigehenden Passanten wohl eher für illegal entsorgten Bauschutt gehalten, als dass sie einen prächtigen Brunnen vermuten, welcher der Felsenbrunnen zweifelsohne einmal war. Mit etwas Glück schweift der Blick auf den „Blue Cube“ von Oliver Hein, unter dessen Hülle sich das hässliche Trafohaus zu verstecken versucht. Vielleicht ist diese „Ablenkung“ ja auch gut so. Wobei auch der Würfel bereits, mangels Unterhalt, an Leuchtkraft verloren hat. Offenbar wird diesen beiden Bauwerken dasselbe Schicksal zuteil, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber noch besteht der Felsenbrunnen.
In Anbetracht der allgemeinen finanziellen Lage der Kommunen wird auch in Zukunft kein Wunder zu erwarten sein. Die Vorbereitungen für die Landesgartenschau boten für Rosenheim eine große Chance. Am Felsenbrunnen ging sie vorbei. Vielleicht muss seine jetzige ursprüngliche Position aufgegeben werden. Denn tatsächlich hat die jetzige Stelle, an der der Brunnen steht, nichts mehr mit der ursprünglichen Anlage zu tun. Eine Umgebung, die der früheren Umgebung des Felsenbrunnens gleicht, sollte sich im Großraum Rosenheim finden lassen. Würde man den Brunnen dort rekonstruieren, könnte er an einem neuen Platz zu altem Glanz kommen. Die ursprüngliche Intention ist wohl eines der wenigen Dinge, die sich seit der Errichtung des Brunnens 1908 nicht geändert hat: die Nähe Rosenheims zu den Alpen.