Mathias Lanfer, Ohne Titel, 1998

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Schon aus der Ferne fällt das Objekt auf, und doch muss man sich fragen, was genau man da eigentlich sieht. Es gleicht einem abgeschnittenen, überdimensionalen liegenden Rohr, das mit seiner Spitze direkt auf einen Eingang zeigt und dessen Schnittkante so präzise der Wegführung des kleinen Vorplatzes folgt, dass kein Zweifel daran aufkommt, wohin man sich wenden muss. 1998 gewann der aus Südlohn in Westfalen stammende Künstler Mathias Lanfer mit seinem Entwurf für diese Arbeit einen vom Staatlichen Hochbauamt Rosenheim ausgeschriebenen Wettbewerb für eine skulpturale Platzgestaltung an der Fachhochschule Rosenheim im Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik/Elektrotechnik. Seither bildet das 4,45 Tonnen schwere Objekt den zentralen Punkt des leicht abseits gelegenen Vorplatzes.

Wirkung

Mathias Lanfer bediente sich für die Wirkung des Objekts der Längenanamorphose Anders als bei der Anamorphose, welche eine Technik in der Malerei darstellt, bei der ein Bild nur aus einem bestimmten Blickwinkel oder durch einen Spiegel erkennbar wird, bedarf es hier keinerlei Hilfsmittel, um das Objekt durch Änderung des Standortes scheinbar in die Länge zu ziehen und immer mehr zu verzerren (eine anschauliche Animation zu einem vergleichbaren Projekt bietet der Link: http://www.mathias-lanfer.de/Lanfer_Garchingen_ Echo_Online.pdf). Die Rippen, die von vorn betrachtet an einen Elektromotor denken lassen, der seine Wärme von innen nach außen abgibt, verwandeln sich beim Herumgehen in horizontale Strahlen, die sich immer schneller zu bewegen scheinen und so die Übertragung von Informationen in einem Kabel darstellen sollen. Aufgrund dieser sich eröffnenden Dynamik wird man sich der Länge von 11,6 Metern erst jetzt wirklich bewusst – wirkt die Spitze der Skulptur doch so, als wolle sie in eine gefühlte Unendlichkeit streben. Die Horizontalität fügt sich gleichwohl sehr gut in die Umgebung ein, da Mathias Lanfer zusätzlich auch auf das sechs Jahre zuvor erbaute Gebäude eingeht, dessen Fassade horizontale Aluminiumstreben aufweist. Dies bestärkt den Eindruck der Geschwindigkeit, die die Skulptur darstellen will, steckte doch die Welt des Computers damals noch in den Kinderschuhen, und die Schnelligkeit von Datenübertragungen war noch nicht fassbar zu begreifen.

Realisierung

So ruht nun die Skulptur an ihrem in die Umgebung perfekt eingepassten Ort und mimt einen rotierenden Motor, der in verzerrender Lichtgeschwindigkeit bis in die unendliche Ewigkeit des Raumes hineinstrebt. Sicher kein Einzelfall sind die Umstände der Entstehung eines so aufwändigen Objekts. Da das Honorar nur einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtkosten betragen durfte, hatte der noch unerfahrene Künstler eine Halbierung des vorgesehenen Preises zugunsten einer weiteren Arbeit vorgeschlagen.
Bei den Herstellungskosten waren unter anderem 4,5 Tonnen Aluminium einzuplanen. Hinzu kamen Anteile im fünfstelligen Bereich an einer Matrize, die die Gussfirma später einschmolz, ohne den Künstler gefragt zu haben. Beim Fundament und der Aufstellung kamen unerwartet die Kosten für die Berechnung und Abrundung der von den Auftraggebern als zu spitz empfundenen Spitze hinzu. Auf einem geänderten Zufahrtsweg war ein schwerer Kran einzusetzen. Die Nutzung dieses pro Stunde fast 1000 Mark teuren Fahrzeugs verlängerte sich erheblich, weil in dem von Lanfer mit höchster Präzision und nach genauester Beton-Norm vorgegebenem Fundament lediglich sechs von 18 Befestigungen passend eingefügt waren. Und schließlich entstanden Kosten für ein Gutachten, das nachweisen musste, dass die Skulptur trotz der formalen Erinnerung an eine Orgelpfeife bei Wind keine störenden Geräusche erzeugt. Zusammen mit den Gebühren für einen Kredit, ohne den der junge Lanfer diese Summen nicht hätte vorschießen können, übertrafen letztendlich die Unkosten das Honorar.
Dennoch: der Aufwand hat sich gelohnt, wurde doch das Potenzial eines Bildhauers – noch jung, wenig bekannt und von auswärts – erkannt und eine im wahrsten Sinne wegweisende und außergewöhnliche Arbeit ausgewählt, die eine große Anziehungskraft besitzt, ihrer Zeit vorauseilt und wie kaum eine andere auf ihren Standort eingeht.

Künstler

Mathias Lanfer wurde 1961 in Südlohn, Westfalen, geboren und lebt und arbeitet heute in Heiligenhaus bei Düsseldorf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Konstruktionszeichner und ein Designstudium und studierte anschließend Malerei in Maastricht sowie Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf. Es folgten Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen sowie eine intensive Beschäftigung mit thermoplastischen Formgebungen. Lanfer gewann zahlreiche Wettbewerbe (z.B. 2010 „Urban Heroes“, Ruhr 2010, Stadt Heiligenhaus, HSNR Krefeld, FB Design, „Expedition“, Hochschule Kempten, Kunst am Bau, und 2011 „Genius a“, Hochschule für Musik Karlsruhe, Kunst am Bau), Stipendien (zum Beispiel 1991 Reisestipendium, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1999 Akademie der Künste Berlin) und Projektförderungen (zum Beispiel 1992 Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf).

Weitere Kunstwerke im öffentlichen Raum