Rolf Märkl, "St. Sebastian", 1962
Städtische Galerie Rosenheim (Reichenbachstraße)
Rolf Märkl, "St. Sebastian", Bronze, 1962
Legende
Die Legende des heiligen Sebastian erzählt, dass er sich als Hauptmann am kaiserlichen Hof zum christlichen Glauben bekannte und auf Befehl des Kaisers Diokletian durch Bogenschützen getötet werden sollte. Dank Gottes Schutz und seiner Glaubensstärke wurde er nur verletzt. Er gilt als Schutzpatron von Soldaten und Kriegsinvaliden. Die Plastik „St. Sebastian“ ist 1962 in Westfalen entstanden,in einer Zeit, in der es dem Künstler Rolf Märkl gerade nicht sehr gut ging. Gegossen wurde sie in Köln auf Kosten von Märkls damaliger Schule, dem Landschulheim Schloss Buldern, wo sie auch aufgestellt wurde. Der von Leid erfüllte heilige Sebastian, der flehend die Finger zum Himmel streckt, ist ein sogenanntes „pazifistisches Mahnmal“, wie sie nach dem Krieg häufig entstanden sind. Ursprünglich war diese Skulptur von Märkl tatsächlich als Kriegerdenkmal gedacht, diese Intention wurde allerdings abgelehnt. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wollten die Städte positive, keine mahnende Kunst im öffentlichen Raum ausstellen. Wer vor dieser Figur steht und sich auf ihre Aussage einlässt, wird ergriffen von der Ausdrucksstärke.
Bronzeplastik
Die Bronzeplastik zeigt einen knienden Mann, der die Hände zum Himmel streckt und mit offenem Mund und schmerzerfülltem Gesicht zum Himmel schaut. Die Gestalt steht ganz in der Vertikalen. Ihr Gewicht ist nach unten verlagert. Die Arme und die gespreizten Finger in der Verlängerung strahlen nach oben weiter in Richtung Himmel. Sebastian ist gefesselt an den horizontalen Ast eines Baumes, der in der Reduzierung auf Stamm und Ast an einen Galgen erinnert. Die kontrastreichen Proportionen vom dünnen ausgemergelten Körper, bei dem jede Rippe sichtbar ist, zu den muskulösen, sehnigen Händen und Füßen, die betont groß sind, beinhalten eine Spannung, bei der der Schmerz bis in den letzten Millimeter des Körpers spürbar wird.
Der Kontrast zwischen Ausgemergeltheit und Größe lässt auf die Dimension des Leids, aber auch der inneren Stärke und des Glaubens schließen. Bei der Ausstellung vom Berufsverband Bildender Künstler 1962 in der Maximilianstraße in München wurde die Plastik mit Erfolg aufgenommen. Rolf Märkl erhielt große Anerkennung für dieses Werk. 1994 kaufte die Stadt Rosenheim auf Vorschlag des Künstlers das Werk aus Westfalen. Die Hoffnung des Künstlers, dass es nun auch als Mahnmal im Zusammenhang mit Gedenkfeiern für im Krieg Gefallene Einsatz finden würde, erfüllte sich nicht.
Platzierung
Die Skulptur fand einen Platz an der Westseite der Städtischen Galerie an der Reichenbachstraße. Anhand von Fotos im Stadtarchiv Rosenheim ist zu erkennen, dass der „St. Sebastian“ 1997 auf dem betonierten Vorplatz des Archivs stand. Erst später wurde er einige Meter weiter vor die Mauer der Städtischen Galerie versetzt. Der jetzige Standort an der Westseite der Galerie erscheint sehr passend. Vor dem schlicht gehaltenen Gebäude kommt die Skulptur gut zur Geltung. Auch für das Gebäude selbst – die Galerie ist ein Pendant zur Naziarchitektur des Hauses der Kunst in München – ist die Form eines Antikriegsmahnmals eine sehr geeignete Wahl.
Wichtig ist, sowohl Kunst, die im Nationalsozialismus entstand, als auch Nachkriegskunst parallel auszustellen, um zwar einen Ausgleich zu schaffen, die Nazikunst aber nicht gänzlich auszublenden. Eine Einschränkung für diesen Aufstellungsort bedeutet allenfalls das gelegentliche Missverständnis auswärtiger Gäste, hier handele es sich um ein Mahnmal vor einer ehemaligen Täterstätte. Auch für den Künstler war die Aufstellung nicht ideal. Ein guter Standort wäre seiner Meinung nach – aufgrund der Namensverwandtschaft und der zentralen Lage – in direkter Nähe von St. Sebastian am Klosterweg. Wichtig für eine geeignete Platzierung sind eine gemauerte Wand, vor der die Skulptur aufgestellt werden kann, sowie eine adäquate Beleuchtung, die die Plastik in der Nacht durch den Schattenwurf in prominentes Licht rückt.
Dieses Kunstwerk zählt zu Märkls Frühwerk. Zur Figur des „St. Sebastian“ stand der Künstler bis zu seinem Lebensende. Das ist nicht selbstverständlich und spricht für die zeitlose Aussagekraft der Skulptur.
Der Künstler
Rolf Märkl (1931-2020) lebte und arbeitete in Rosenheim. Ab 1945 Lehrzeit als Holzbildhauer in Rosenheim. Ab 1949 Lehrzeit als Steinbildhauer in München. 1952-1958 Akademie der Bildenden Künste München bei Toni Stadler und Heinrich Kirchner. 1958-1966 Kunsterzieher in Westfalen. Seit 1966 freischaffender Künstler in Rosenheim. 1986 Kulturpreis der Stadt Rosenheim.