Joachim Berthold, "Der Schreitende", 1974/75
Städtische Galerie, Außenbereich
Joachim Berthold, "Der Schreitende", 1974/75, Bronzeskulptur
Die Bronzefigur, „Der Schreitende“ wurde 1974/75 von Joachim Berthold entworfen. Es sieht so aus, als hätte die Gestalt einen Helm, Brust- und Schienbeinpanzer angelegt – Attribute, die ihr einen kriegerischen Charakter verleihen. Der Körper des „Schreitenden“ tritt aus einer festen Form heraus. Eines von Joachim Bertholds zentralen Themen, die Loslösung des Menschen aus der starren Form, ist hier deutlich erkennbar. Es ist aber kein freies Schreiten; der Schritt wirkt gehemmt, da der rechte Fuß noch nicht aus der Hülle befreit ist. In der Rückansicht wird deutlich, dass Berthold gern zwei Arten der Oberflächenbehandlungen kombinierte. Während die Vorderseite vorwiegend glatt ist, zeigt sich der Rücken rau und mit Fehlstellen, vergleichbar mit Narben.
Entstehung
Die Plastik ist ein Geschenk von Joachim Berthold an die Stadt Rosenheim – ein Geschenk mit kühnen Auflagen. Denn zur Bedingung machte der Künstler nicht nur die Aufstellung der Figur vor der Städtischen Galerie, sondern auch die Übernahme der Kosten für Guss, Transport und Aufstellung. Dieser Betrag von rund 25 000 Mark war zwar deutlich geringer als jene 40 000 Mark, die kurz zuvor für die durch die Stadt von Berthold angekauften „Bogenschützen“ investiert worden waren, aber immer noch doppelt so hoch wie der gesamte Jahresetat der Stadt in dieser Zeit für Ankäufe bildender Kunst (2011 stehen 20 000 Euro zur Verfügung, in den Vorjahren waren es jeweils rund 12 000 Euro). An der Finanzierung drohte die Aufstellung der Figur dann auch zu scheitern, bis die Gewinnausschüttung der Sparkasse dafür verwendet wurde. Gegen den Einspruch des Kunstvereins, der zumindest die Wahl des Standortes abzuwenden versuchte, wurde die Plastik 1977 aufgestellt. Für einen Platz unmittelbar vor der Städtischen Galerie, der bei einer Daueraufstellung unverhältnismäßig stark durch eine Plastik wie den drei Meter hohen „Schreitenden“ geprägt wird, so die Kunstvereinsleitung, hätte zumindest ein Wettbewerb ausgeschrieben werden müssen. Alternativ wurde angeregt, die Freiflächen vor der Galerie jeweils denjenigen Künstlern zur Verfügung zu stellen, die dort gerade mit einer Ausstellung zu Gast sind. Der aber vielleicht entscheidende kritische Aspekt der Aufstellung des „Schreitenden“ ist nicht der per „Geschenk“ erzwungene Paradeplatz, sondern vor allem seine Formgebung.
Formsprache
Bei aller modernen Abstraktion verrät der „Schreitende“ von Berthold am ehesten die heroisch- monumentalen Züge seines Lehrers Josef Wackerle. Diese kriegerisch gepanzerte, athletisch voranschreitende Gestalt eines Mannes nun findet sich ausgerechnet neben dem sichtlich in der Formensprache der Nazizeit gehaltenen Galeriegebäude. Im Jahr 1937 nach einem Entwurf des von Hitler favorisierten Architekten German Bestelmayer errichtet, scheint der Bau, von Außenstehenden betrachtet, bewusst zusammen gedacht mit der Plastik des Meisterschülers von Hitlers Vorzeigebildhauer. Als aktuelle künstlerische Visitenkarte für die Außenwirkung der Stadt bieten Bau und Kunstwerk damit eine denkbar unglückliche Kombination.
Platzwechsel
22 Jahre nach der Aufstellung wechselte die Plastik den Platz. Offizieller Anlass waren zunächst Renovierungsarbeiten am Galeriegebäude. Tatsächlich setzte sich in der Stadtverwaltung und im Stadtrat aber auch die Einsicht durch, dass die sehr exponierte Platzierung direkt vor der Galerie zu dem Fehlschluss führen könne, hier werde eine Dauerausstellung dieses Künstlers gezeigt. Heute steht der „Schreitende“ neben dem Gebäude, weiter hinten. Damit tritt er auch nicht mehr in Konkurrenz zu anderen Kunstwerken, mit denen die Galerie zeitweise für ihre Ausstellungen wirbt.
Rechtsanwalt Dr. Werner Scheuer war mit Joachim Berthold und dessen Familie befreundet. Er trat seinerzeit wegen der Auseinandersetzung um den „Schreitenden“ vom Amt des Zweiten Vorsitzenden des Kunstvereins Rosenheim zurück.
Kontroverse
Der Bildhauer Joachim Berthold fühlte sich Rosenheim als der Stadt seiner väterlichen Familie in besonderer Weise verbunden: sein Vater, Karl Berthold, ein bedeutender Goldschmied, entstammte einer Rosenheimer Goldschmiedefamilie. Nicht alle Rosenheimer erwiderten freilich die Zuneigung des Künstlers. Während das Rathaus und weite Teile der Bürgerschaft die Stadt gerne mit den Werken des anderen Orts hoch angesehenen Künstlers von internationaler Bedeutung schmückten, fand Berthold in der lokalen Kunstszene weithin brüske Ablehnung. Dazu trugen wohl nicht nur der große internationale Erfolg des Bildhauers, sondern auch die uneingeschränkte Konzentration des Menschen Joachim Berthold auf sein Schaffen bei, die ihm den Ruf unnahbarer Arroganz einbrachten. Zum Höhepunkt der ablehnenden Auseinandersetzung kam es, als Berthold seiner Heimatstadt die Figur des Schreitenden in der ursprünglichen Fassung von 1975/76 zum Geschenk machte. Die Größe der damit verbundenen Aufwendungen sprengte die Vorstellungskraft. Schon damals fanden Bertholds Gegner im Klischee der Nähe der Skulptur zum Kunstverständnis des Nationalsozialismus ein billiges Totschlagargument, mit dem auch die Städtische Galerie, die weithin als eine der schönsten „Provinzgalerien“ Bayerns gilt, diskreditiert werden soll.
Wer Bertholds Schreitenden darauf reduziert, hat nichts von dem Gesamtwerk des Künstlers und dessen Entwicklung verstanden. „Mit dieser Figur greift der Künstler das Motiv von Zeit und Bewegung im Raum auf. Der Schreitende ist nicht als Individuum, sondern als Symbol der voranschreiten Menschheit in ihrer Generationenabfolge zu verstehen, als Metapher des stets zu hinterfragenden Begriffs, Fortschritt‘.“ (Jule Hammer in Katalog zur Berliner Ausstellung 1980).
Künstler
Der Bildhauer Joachim Berthold (geboren 1917 in Eisenach, gestorben 1990 in Oberaudorf) studierte 1936 bis 1941 Kunst an der Kölner Werkschule und schloss sein Studium an der Münchner Akademie als Meisterschüler von Joseph Wackerle ab. Nach Kriegsende lebte er mit seiner Familie in Oberaudorf, stellte seit 1960 seine figürlichen Plastiken bundesweit aus und erfuhr im Ausland, vor allem in den USA, große Wertschätzung. In Rosenheim stammen von ihm außerdem der „Justizbrunnen“ vor dem Amtsgericht, die „Bogenschützen“ vor der Luitpoldhalle, die „Verwandlung einer Kugel“ im Rathaus und ein „Menschenpaar“ im Klinikum.