Marianne Lüdicke, Ziegen, 1956

Drei Ziegen und ein schlanker Hirtenknabe mit einem Stock. In dieser gut komponierten und präzise mit sicherer Hand aufs Papier gebrachten Skizze zeigt sich Grundlegendes für das Schaffen der Bildhauerin Marianne Lüdicke. Stets ging sie vom realistisch aufgefassten Objekt aus, arbeitete dabei die Grundlinien abstrahierend heraus und reduzierte auf große und zusammenhängende Formen. Zentrale Themen in ihrem umfangreichen Werk waren der Mensch, bevorzugt das Kind und der Jugendliche sowie Tiere.

Gerade schicksalhaft muss man die Begegnung der jungen Abiturientin, die 1938 nach München gekommen war mit Wilhelm Georg Maxon (1894-1971) bezeichnen. An seiner Kunstschule in München-Schwabing konnte sich die gebürtige Frankfurterin auf die Aufnahmeprüfung für die Akademie vorbereiten. Maxon hatte sie Professor Richard Knecht (1887-1966) empfohlen, in dessen Bildhauerklasse die Meisterschülerin das nötige Handwerkszeug vermittelt bekam. „Ganz wichtig waren ihm (Knecht) die Gesamtzusammenhänge von Linien und Formen, nichts steht für sich alleine, alles hat einen Bezug von Kopf bis Fuß.“ (Erinnerungen S. 58)

Mit den Malschülern von Maxon kam Marianne Lüdicke gleich in ihrem ersten Münchner Sommer an den Chiemsee. In Weisham, idyllisch gelegen zwischen Prien und Bernau, pflegte das Ehepaar Wilhelm Georg und Clara Maxon schöpferische Wochen zu verbringen. Hierher zogen sie sich auch ab 1943 zurück, als die Münchner Wohnung ausgebombt worden war. Noch vor Kriegsende folgte ihnen Marianne Lüdicke und fand hier ihre neue Heimat.

Trotz fleißiger Arbeit und kräftigem Engagement in Kunstvereinen und bei Gruppenausstellungen ließ der Erfolg auf sich warten. Umso begeisterter erwähnt Marianne Lüdicke ihre erste Einzelausstellung in ihrem Buch: „Die erste Ausstellung konnte ich in der Städtischen Galerie in Rosenheim im Jahr 1958 machen. Etwa die Hälfte der Galerie hatte ich da zur Verfügung, was aus heutiger Sicht fast unbegreiflich ist, denn ich stand damals ja noch ganz am Anfang meiner Laufbahn. Daher zeigte ich beinahe nur Zementskulpturen, weil ich Bronzen noch gar nicht hatte. Es waren aber auch Entwürfe, Modelle, Zeichnungen dabei, womit die Ausstellung einen Werkstattcharakter bekam.“ (Erinnerungen S. 93/94)

Eine dieser Zeichnungen war „Ziegen“ von 1956. Die Bildhauerin hatte sich damit die Realisierung der Zementgussfigur „Ziegen mit Hirte“ aus dem gleichen Jahr erarbeitet, die ebenfalls in der Städtischen Galerie ausgestellt worden war. Aus dieser Ausstellung, die den Beginn der Karriere von Marianne Lüdicke markiert, wurde das Blatt mit den drei Ziegen und dem Hirtenknaben angekauft. Im Jahr darauf war es noch in der Städtischen Galerie in der Bestandsausstellung „Graphik seit 1800“ zu sehen, dann verschwand es im Depot.

Marianne Lüdicke aber wurde mit ihren Bronzeplastiken eine der bedeutendsten Bildhauerinnen in Oberbayern. Seit 1959 sitzt die „Zenzi“, wie der Volksmund sie schnell nannte, vor dem Rosenheimer Bahnhof und reckt ihre Stupsnase frech nach oben. Leider beeinträchtigt seit dem Bahnhofsumbau ein Stahlgeländer den Blick auf das „Sitzende Mädchen“, das am Beginn einer glanzvollen und vielfach ausgezeichneten Bildhauerlaufbahn steht.

Text von Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 1152; Mischtechnik auf Papier; Signatur „M L 1956“ unten rechts; Höhe 49 cm, Breite 31,5 cm; 1958 erworben. Rückseitig roter Stempel auf dem Passepartout „ausgestellt 1959 >Graphik seit 1800<“.

Literatur: Marianne Lüdicke: Erinnerungen. Prien am Chiemsee 1998. Faltblatt Städtische Kunstsammlung Rosenheim, Max-Bram-Stiftung, Sonder-Ausstellung Marianne Lüdicke, 20. Juli bis 17. August 1958.

Marianne Lüdicke, Ziegen

Marianne Lüdicke, Ziegen