Willi Geiger, Chiemseelandschaft

Ein Unwetter zieht über dem Chiemsee auf. Dunkle Wolken hängen tief über der Landschaft. Die Berge des Chiemgaus sind reduziert auf dunkle Silhouetten. Das Wasser des Sees ist aufgewühlt und schlägt in mächtigen Wellen an das Ufer. Das Schilf neigt sich vom Westwind gepeitscht weg. Weder Mensch noch Tier wagen sich jetzt hinaus. Erst wenn sich der vernichtende Sturm gelegt haben wird, treten wieder alle hinaus und erwarten froh die wärmenden Strahlen der Sonne.

Willi Geiger skizziert expressiv in seiner undatierten „Chiemseelandschaft“ mit starken, kräftigen Pinselstrichen und einer düsteren Farbpalette mit den vorherrschenden Tönen Grün und Grau eine beeindruckende Sturmszenerie über dem bayerischen Meer. Was vordergründig als Landschaftsbild verstanden werden kann, erweist sich schnell als Metapher für eine ganz bestimmte Lebensphase des Malers und Grafikers, der an der Münchner Akademie u. a. bei Franz von Stuck studiert hatte.

Kritische Bemerkungen zum NS-Regime hatten im Sommer 1933 zur fristlosen Entlassung von Geiger aus seiner Leipziger Professur geführt. Bis Kriegsende zog sich der zuvor hoch Geehrte und vielfältig Ausgezeichnete (1909 Villa Romana Preis mit Florenz-Aufenthalt) in ein über dreihundert Jahre altes Bauernhaus zurück, das er 1928 im Feldwieser Ortsteil Baumgarten erworben hatte. Wie Otto Dix an den Bodensee hatte sich Willi Geiger an den Chiemsee in die „innere Emigration“ geflüchtet, malte Landschaften und Blumenbilder und manchmal Porträts der hier lebenden Menschen. Dieses Bauernhaus, die Bax, wurde zur „Menschlichkeitsoase“ und zum Refugium für die Familie in bitterer Zeit. Nach dem Krieg diente es als Ferienhaus und seit 2004 realisiert hier die Urenkelin Julia Geiger Ausstellungen rund um die Künstlerfamilie Geiger.

Doch Willi Geiger war nicht der einzige Maler, den Feldwies bei Übersee als Wohnort angezogen hatte. 1902 schon hatte Julius Exter ein uraltes Bauernhaus erworben, das heute als Exter-Haus bekannte und beliebte Ausstellungsgebäude, und lebte hier bis zu seinem Tode 1939. Kurz vor Willi Geiger hatten Arnold Balwé, ein Geiger Schüler, und Elisabeth Balwé-Staimmer hier ebenfalls ein altes Bauernhaus gekauft.

Im Geheimen arbeitete Willi Geiger im Atelier in der Brax an den beiden Zyklen „Zwölf Jahre“ und „Eine Abrechnung“, die 1947 als Grafik-Mappen veröffentlicht wurden. Doch da war der Vater von Rupprecht Geiger (1908-2009) durch eine Professur an der Akademie in München bereits politisch rehabilitiert.

Einen zarten Schimmer von Hoffnung kann man durchaus auch in der „Chiemseelandschaft“ entdecken, in der kleinen weißen Wolke nämlich, die sich hinter der Hochplatte aus dem Tal der Tiroler Ache schiebt. In der Auseinandersetzung mit den Werken von El Greco, die Willi Geiger während eines zweijährigen Spanienaufenthaltes 1923-1925 intensiv kennenlernen konnte, hatte er die „Magie der Farbe“ entdeckt, die seine spätere Malerei wesentlich bestimmen sollte. Und etwas Magisches hat dieses Chiemseebild auch.

Text von Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 1228; Öl auf Pappe; Signatur „G.“ unten links; Bild Höhe 35 cm, Breite 46,5 cm; Rahmen Höhe 47,5 cm, Breite 58,5 cm; erworben am 15.09.1962 (Stiftung Kauffmann).

Literatur: Willi Geiger: Der offene Horizont. Lebenserinnerungen. Landshut 1996. Ruth Negendanck: Künstlerlandschaft Chiemsee. Fischerhude 2008, S. 193-197. Faltblatt Willi Geiger in der Brax. Florian Geiger, Julia Geiger, Archiv Geiger München 2006. Faltblatt Die Künstlerfamilie Geiger in der Brax. Julia Geiger, Archiv Geiger München 2013.

Willi Geiger, Chiemseelandschaft

Willi Geiger, Chiemseelandschaft