Charlotte Dietrich, "Erdweibchen", 2011-2013

Sechs kleinformatige Bilder, die in einem engen Ausschnitt einen nackten, kauernden, weiblichen Körper mit gespreizten Beinen und einer angedeuteten Brust darstellen, und die offensichtlich zu einer Serie gehören: Diese Anhaltspunkte erschließen sich dem Betrachter bei einem ersten Blick. Doch um wirklich verstehen zu können, welcher Prozess hier ablief, braucht es mehr Informationen.

Geschaffen hat die in sehr reduziertem Braun, Schwarz und Weiß gehaltenen "Erdweibchen", so der Titel, die Schlierseer Malerin und Zeichnerin Charlotte Dietrich in den Jahren 2011 bis 2013. Als Grundlage für die gesamte Serie diente der Künstlerin jeweils ein Exemplar der eigenen Kunstpostkarte "Körper".

Die diplomierte Grafikerin berichtet darüber: "In der Ausstellung 'Rosenheim - Innsbruck, Innsbruck - Rosenheim' des Kunstvereins 1996 war ich mit der Arbeit "KÖRPER" - Erde, Asche auf Nessel - vertreten. Der Kunstverein dokumentierte die Ausstellung mit einer Postkartenserie aller 28 gezeigten Exponate. Seit 2011 übermale ich Exemplare meiner Postkarte in unterschiedlichen Techniken. So entstand die Serie "ERDWEIBCHEN"."

In einem Prozess der Selbstreflexion setzte sich die international bekannte Künstlerin nochmals mit "Körper" - das muss nicht unbedingt ihr eigener sein, kann es aber - auseinander und übermalte das zum Kleinformat geschrumpfte Bild von 1995, das im Original immerhin 100 x 80 Zentimeter misst, mit Tusche, Marker, Tipp Ex und Acryl. Dabei ist der Prozess der Übermalung im Schaffen von Charlotte Dietrich nichts Neues, früher schon übermalte sie Zeitungsausschnitte.

Durch das flächige Abdecken von Teilbereichen mit schwarzer Tusche erklärt die Künstlerin diese optisch zum Hintergrund. Eine neue Körperlichkeit kann sie so herausarbeiten. Ganz anders wirkt das Übermalen mit Weiß, das die Körper in ihrer Freistellung atmosphärisch schweben lässt. Dagegen strukturieren feine, über die Körpervolumen gelegte Striche einzelne Teile des Körpers.

Die Darstellung des weiblichen Körpers ist das zentrale Thema in ihrem Werk: "Ich thematisiere in meinen Arbeiten den menschlichen Körper. Vorrangig den weiblichen Körper, nicht aber in seiner so genannten Schönheit und glatten Erotik, wie er in vergangenen Epochen in der Bildenden Kunst und heute noch in den internationalen Hochglanzmagazinen als Ideal gepriesen wurde und wird. Meine Darstellungen zeigen die Hinfälligkeit des Fleisches. Der Übergang zum Alter wird thematisiert, aber auch die duale Geschlechtlichkeit, die Intersexualität, die sich in jedem Menschen findet. Ich verstehe meine Zeichnungen als 'Menschen-Landschaften'."

Der Begriff "Menschen-Landschaften" ist aufschlussreich für die Herangehensweise der Künstlerin: "Da ich gerne in den Bergen bin, waren die Motive Felsklüfte, Geröllhalden, verwitterte Bäume. Irgendwann, eines Tages, fand ich alle diese Formen im Körper einer Frau."

2013 präsentierte Charlotte Dietrich in der Städtischen Galerie Rosenheim unter anderem ihre "Erdweibchen", zusammen mit den "Seelenhäusern" des in Straußdorf bei Grafing ansässigen Bildhauers Franz Ferdinand Wörle. Es ergab sich ein reizvoller Dialog zwischen den runden, strichhaft skizzierten Körpern, die auf Verletzlichkeiten dahinter aufmerksam machen, und den geraden, schmalen Eisenstelen von Wörle mit ihrer Rostpatina. Aus dieser Ausstellung kaufte die Stadt Rosenheim als Auswahl diese sechs "Erdweibchen" an.

Doch nicht jeder Betrachter konnte mit den Aktzeichnungen, von Charlotte Dietrich etwas anfangen. So fragte die Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Hannah Stegmayer bereits im Mai 2011 die Freundin: "Warum reagieren manche Betrachter irritiert auf Deine Aktzeichnungen? Kannst Du dir das erklären?" "Natürlich sind manchmal Betrachter meiner Zeichnungen irritiert, denn ich stelle ja nicht die geschönten und gestylten Körper dar, die uns von jedem zweiten Zeitschriften-Cover herunter anlächeln. Was ich darstelle, sind Körper und nicht das, was man landläufig unter Aktzeichnungen versteht. Ich möchte ja mehr zeigen, als nur Akt."

In der Nacht zum 8. Juni 2017 ist Charlotte Dietrich nach langer Krankheit mit 81 Jahren gestorben. Die Kunstwelt verlor eine vielseitig engagierte Künstlerin, die als Jurorin in mehreren Kunstvereinen stets auf Qualität und Förderung des Nachwuchses bedacht war. Seit 1962 nahm sie an den Jahresausstellungen des Kunstvereins Rosenheim teil, wurde bereits 1969 mit einer Einzelausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim geehrt. Vierzig Jahre, von 1966 bis 2006, leitete sie das von ihr in München, Lothringer Straße 17, gegründete "Institut für Graphik". 1994 erhielt sie den "Seerosenpreis" der Landeshauptstadt München und 2016 den Kunstpreis des Kunstvereins Rosenheim.

Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummern 4226, 4227, 4228, 4229, 4230, 4231; Mischtechnik (Marker, Tipp-Ex, Acryl, Tusche) auf je einem Exemplar der Postkarte: Rosenheim - Innsbruck, Innsbruck - Rosenheim, Charlotte Dietrich "Körper", 1995; Erde, Asche auf Nessel, 100 x 80 cm; die Postkarten sind jeweils auf einen gleich großen, weißen Karton aufgeklebt und dieser ist mit zwei querliegenden Holzklötzchen auf einer weiß gestrichenen Pressholzplatte fixiert; Signatur jeweils rechts unten "Ch. Dietrich"; links unten jeweils abgekürzt der Bildtitel für die "Erdweibchen" (EW): EW 36, EW 18, EW 5, EW 33, EW 21, EW 24; Bildgröße Höhe 14,8 cm, Breite 10,5 cm; Plattengröße Höhe 30 cm, Breite 21 cm; Erworben im Juli 2013 aus der Ausstellung "Charlotte Dietrich und Franz Ferdinand Wörle, Erdweibchen - Seelenhäuser, Zeichnung - Skulptur", Städtische Galerie Rosenheim 2013.

Literatur: AK Charlotte Dietrich und Franz Ferdinand Wörle, Erdweibchen - Seelenhäuser, Zeichnung - Skulptur, Städtische Galerie Rosenheim 2013. AK Rosenheim - Innsbruck, Innsbruck - Rosenheim, Kunstverein Rosenheim in Innsbruck, Tiroler Künstlerschaft in Rosenheim, Tiroler Künstlerschaft und Kunstverein Rosenheim (Hrsg.), 1996. AK Charlotte Dietrich, Zeichnungen - Monotypien, Galerie in der Sparkasse Rosenheim 1987.Internet: charlottedietrich.bildkunstnet.de (Aufruf 09.11.2017)

Charlotte Dietrich, Erdweibchen, 2011-2013 © Städtische Galerie Rosenheim

Charlotte Dietrich, Erdweibchen, 2011-2013 © Städtische Galerie Rosenheim