Hermann Urban, Zifferberg bei Nußdorf am Inn, um 1910

Ein schwerer, bleierner Himmel lastet über dem Inntal und drückt die Landschaft nach unten. Nur wer genau hinsieht, entdeckt die Wolken. Vorsichtig ragt der spitze Kirchturm der Wallfahrtskirche St. Leonhard am Ortsrand von Nußdorf hervor. Wenige Häuser lassen das Dorf erahnen. Der kräftige Taleinschnitt rechts führt in das Mühlthal. Von hier ergibt sich der Anstieg nach Kirchwald und weiter zum Heuberg. Im blauen Dunst der Farbperspektive erscheint die Hochries deutlich abgerückt. Das Hauptmotiv ist aber der Zifferberg, der mit seinen 820 Metern dominiert. Farbstark ist der Kontrast zwischen den hellgrünen Wiesen, Weiden und Matten und den dunklen Wäldern. Mit breitem Pinselstrich charakterisiert Hermann Urban die Vegetation, unterscheidet die runden Bäume im Vordergrund klar von den Fichten an den Berghängen, modelliert sanft die Wiesen und Bergmatten.

 Der Sohn einer Opernsängerin aus New Orleans und eines bayerischen Arztes und Zahnarztes wuchs bei den Großeltern in Aibling auf, durfte aber seine Mama auf einigen ihrer weltweiten Tourneen begleiten. So kam der Junior, der mit zehn Jahren fünf Sprachen beherrschte, bis nach Rio de Janeiro. Auch als sich die Familie in München niedergelassen hatte, verbrachten sie die Sommermonate in Aibling.

 Nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München (1885-1891) musste Hermann Urban seinen eigenen Stil entwickeln und fand ihn im Süden, in Italien und vor allem auf einer Ägyptenreise 1914. Dieses gleißende Licht, das seine Bilder unverwechselbar macht, nahm er mit in die oberbayerische Landschaft.

Doch Urban ist nicht nur als Landschaftsmaler und Porträtist bedeutend und hoch geehrt. Er beschäftigte sich seit der Akademiezeit experimentell mit dem Malgrund und hinterließ mehr als 12.000 Rezepte. Nach der Zerstörung seines Münchner Ateliers 1944 lebte der Wiederentdecker der antiken Enkaustik-Technik, also der Wachsmalerei, die wenigen Jahre bis zu seinem Tode 1948 in Bad Aibling. Urbans Großneffe Aziz Raza (1938-2001) entwickelte die Rezepturen und Verfahren weiter.

1913 hängte Hermann Urban die erste Ausstellung der 1904 gegründeten Max-Bram-Stiftung im damaligen Gebäude der Städtischen Galerie, der profanierten Michaelskapelle neben St. Nikolaus. Im Jahr darauf kaufte der Lehrer und Kunstsammler Max Bram den „Zifferberg bei Nußdorf am Inn“ für seine Stiftung.

Text von Dr. Evelyn Frick

 

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 400; Öl auf Leinwand; Signatur „Urban“ links unten; Höhe 76 cm, Breite 88 cm; 1914 von der Max-Bram-Stiftung erworben.

Literatur – www.hermann-urban.eu; Hans Heyn: Süddeutsche Malerei. Rosenheim 1979; Christine und Klaus Jörg Schönmetzler: Kunst