Horst Antes, "KopfLitho", ohne Jahr

1974 widmete die Städtische Galerie Rosenheim einem Künstler eine Einzelausstellung, der damals zu den führenden Persönlichkeiten im bundesrepublikanischen Kunstbetrieb zählte: Horst Antes (1936 geboren in Heppenheim an der Bergstraße). 2016 wurde der weltweit bekannte Maler, Grafiker und Bildhauer, dessen Stahlsilhouetten-Figuren in mehreren Städten wie Hannover, Düsseldorf oder Mainz den öffentlichen Raum zieren, 80 Jahre alt.

Als der noch nicht einmal 23-jährige nach seinem Studium bei HAP Grieshaber an der Karlsruher Akademie 1959 mit seinen Bildern an die Öffentlichkeit trat, machte er sofort Furore. Hier bot einer eine ganz individuelle Lösung an im Streit um Abstraktion und Gegenständlichkeit. Antes kam zwar aus dem Informel, versöhnte aber dessen Form- und Farbtumulte mit figurativer Malerei. Hier fand das Publikum, was es ersehnte. Formen, die als Teile des menschlichen Körpers erkennbar und deutbar waren, stilisiert in einer gemäßigten Abstraktion. Farben, die den Sinngehalt unterstrichen. Das Ganze modern, aktuell und in seiner konstruierten Komposition irgendwie typisch deutsch. Die nationale Antwort sozusagen auf zeitgenössische Strömungen der US-amerikanischen Malerei.


Dabei hatte Antes durchaus in dem amerikanischen abstrakten Expressionisten Willem de Kooning ein kräftiges Vorbild. Wie dieser versuchte er die Verknüpfung aus informellen und figurativen Elementen. Antes wurde so zu einem der Pioniere der neuen figurativen Malerei in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch sein Lehrer HAP Grieshaber hatte entgegen allem Zeitgeist stets an der Figuration festgehalten.


In den 1960er und 1970er Jahren wurde der Senkrechtstarter mit Preisen, Ehrungen und Ausstellungen überhäuft. 1962 war der freischaffende Künstler Villa Romana Preisträger mit einem Aufenthalt in Florenz. Schon im Jahr darauf folgte Rom mit der Villa Massimo. Dreimal war er auf der renommierten documenta in Kassel vertreten (1964, 1968 und 1977) und auch die Biennale in Venedig (1966) fehlte nicht. Daneben fand er noch Zeit für Professuren an den Akademien von Karlsruhe und Berlin. Italien und vor allem die Malerei der Frührenaissance begeisterten den vielfach Ausgezeichneten seit den Anfangsjahren. So wundert es auch nicht, dass Antes neben Karlsruhe und Berlin sich auch einen Wohnsitz in der Toskana gönnt. Hier in Sicellino, zwischen Florenz und Siena, mitten im Weinbaugebiet des Chianti, kann der bekennende Landmensch Kraft und Inspiration sammeln.


Berühmt wurde Horst Antes mit seinen "Kopffüßlern", die er ab 1960 schrittweise entwickelt hatte. 1963 war diese "Kunstfigur" voll ausgeprägt, wurde als Plastik dreidimensional ausgestellt und sollte für die nächsten 20 Jahre in immer neuen Variationen und immer wieder anderen künstlerischen Techniken werkbestimmend sein. Als Anregung für diese Gestalten, bei denen der Kopf unmittelbar in die Beine überzugehen scheint, dienten sogenannte Kachina-Puppen der nordamerikanischen Pueblo-Indianer. Antes sammelte ebenso wie Marcel Duchamp, Max Ernst oder Emil Nolde diese Puppen, die in der schamanistisch-mythologischen Weltsicht der Indianer unterschiedliche Geister mit unterschiedlichen Aspekten vertreten.
Auch bei Antes haben seine "Kopffüßler" eine Stellvertreter Funktion. Chiffrenhaft stehen sie für den Menschen, sein Dasein, seine Empfindungen und Gefühle, seine Stellung zu anderen Menschen und zur Gesellschaft, seine Ängste, Hoffnungen und Bedrohungen. Bei den Köpfen dominiert das Profil, Hände und Füße sind oftmals in die Ebene geklappt. Ein wenig erinnert die flächenhafte Darstellung an HAP Grieshaber und seine bevorzugte Technik des Holzschnittes. Viele der Figuren haben keine Augen oder verbergen sie wie auf der ausgestellten Lithografie. Man muss dafür nicht Akteure der griechischen Mythologie wie Polyphem oder Ödipus bemühen. Antes zeigt den Menschen als Blinden, als Suchenden und Tastendem auf seinem Weg durchs Leben.


"KopfLitho", diesmal ausgewählt für die "Aus dem Galeriedepot", verdeutlicht die Bildwelt von Antes beispielhaft. Der Kopf im Profil geht direkt über in Beine und Füße. Eine erhobene Hand mit kurzem Armansatz, gezeichnet durch zwei stichartige Wunden, verdeckt das Auge. Das helle Braun der Körperteile orientiert sich durchaus am menschlichen Inkarnat, dem Hautton. Den ebenfalls braunen Hintergrund strukturieren wenige Striche, ein kleiner Kreis sowie sparsam gesetzte farbige Flächen. Hier setzt Antes signalhaft die Komplementärfarben Grün und Rot sowie Blau und Gelb ein. Fast möchte man der gefährdet erscheinenden Figur zurufen "Pass auf!". "KopfLitho" als Symbol des Menschen auf seinem Weg durchs Leben.


Auch wenn sich Antes ab Anfang der 1980er Jahre neuen Motiven zuwandte, Häuser und Architektur thematisierte, bleibt sein Name untrennbar mit den "Kopffüßlern" verbunden. Sie sind und bleiben sein Markenzeichen, sie machten ihn berühmt.


Dr. Evelyn Frick


Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 1552; Farblithografie auf Papier; Signiert unten rechts "Antes"; Nummerierung unten links "852/999"; Blatt Höhe 100 cm, Breite 70 cm; Bildfläche Höhe 96 cm, Breite 67 cm; Zugang 1974.
Literatur: Horst Antes: Bilder, Gouachen, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik, Bücher und anderes. 1959-1973. Aus der Sammlung Wolf und Ursula Hermann, Bremen. Ausstellungskatalog Städtische Galerie Rosenheim 1974.

Horst Antes, "KopfLitho", Farblithografie auf Papier, ohne Jahresangabe © Städtische Galerie Rosenheim

Horst Antes, "KopfLitho", Farblithografie auf Papier, ohne Jahresangabe © Städtische Galerie Rosenheim