Josua Reichert "M'ILLUMINO D'IMMENSO", 1989

Das sorgfältig gedruckte Blatt mit seinen kräftigen schwarzen Akzenten und den zarten Beifügungen in Rot, Gelb, Blau und Grün zerfällt in zwei Bereiche. Links tummeln sich zwei von ihren Buchstaben losgelöste Serifen, also zwei obere oder untere Querstriche, über einem Kreis und neben einem Rechteck. Darunter steht ein großes A auf einem Sockel. Der Schöpfer dieser kryptischen Typographie, Josua Reichert, löst das Buchstabenrätsel auf in den Mädchennamen "Laura", der Name seiner Enkelin, die damals 1989, als dieser Druck entstand, zur Welt kam.

Josua Reichert, der seit 1972 in Haidholzen wohnt, hat sich fast sein ganzes Leben mit Schrift und Text, Literatur und Druck beschäftigt. Es macht Freude ihm zuzuhören, wenn er über Schrifttypen, ihre Entstehung und ihre richtige Anwendung erzählt. So erfahre ich auch, dass die Serifen mit dem gerundeten Ansatz, der Kehlung, zur Egyptienne gehören; eine Schriftart die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, als man für Plakate und Zeitungen eine ausdrucksstarke und gut lesbare Schrift brauchte. Den Namen erhielt sie nach der damals aktuellen Ägyptenmode, deren Auslöser Napoleons Expeditionszug in das Land am Nil war.

Doch zurück zu unserem Blatt. Die rechte Seite dominieren zwei schwarze Rechtecke, das untere steht senkrecht, das obere kippt nach rechts weg. "M'ILLUMINO D'IMMENSO" steht hier zu lesen und da dieser Schriftzug den schwarzen Rechtecken folgt (oder folgen sie ihm?) steht ebenfalls die eine Hälfte senkrecht, während die andere Hälfte nach rechts wegknickt.

"M'illumino / d'immenso" ist das kürzeste und berühmteste Gedicht des italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti (1888 Alexandria, Ägypten - 1970 Mailand). Es besteht nur aus diesen vier Worten, aufgeteilt in zwei Zeilen. Dieses Gedicht war einmal so berühmt, dass es keine geringere als Ingeborg Bachmann übersetzte: "Ich erleuchte mich / durch Unermessliches". Hans Magnus Enzensberger konnte auf diesen Zweizeiler in seinem "Museum der modernen Poesie", das 1960 erstmals erschien, nicht verzichten.

Giuseppe Ungaretti schrieb sein Meisterwerk des "Ermetismo", der dunklen, symbolhaften, hermetisch verschlossenen Lyrik, die Worte chiffrenhaft einsetzt und den Leser zur Deutung herausfordert, am 26. Januar 1917. Damals war der Italiener Soldat im Ersten Weltkrieg und auf Erholungsurlaub von der Alpenfront in dem kleinen friaulischen Bauerndorf Santa Maria la Longa, gelegen im Hinterland zwischen Udine und Palmanova. Drei Gedichte verfasste Ungaretti hier: "Dormire" (Schlafen), "Solitudine" (Einsamkeit) und eben "M'illumino / d'immenso", das zuerst den Titel "Cielo e Mare" (Himmel und Meer) trug und das er später mit "Mattina" (Morgen) bezeichnete.

Mit gutem Grund verweigerten viele Literaten die Übersetzung dieses Gedichts, das sehr stark vom italienischen Wortklang und seinen Assoziationen lebt, und das bei jeglicher Übertragung in eine andere Sprache nur verlieren kann. Kein Wunder also, dass es Josua Reichert, der große Italienfreund, der bereits 1964 im Goethe Institut in Triest seine erste Einzelausstellung in diesem Land hatte, in der Originalsprache belässt.

Josua Reichert war schon früh in den Bann der Gedichte Ungarettis geraten. Den Künstler faszinierten von Anfang an die Bilder, die in diesen präzisen, kompakten Worten enthalten sind. Eigentlich sind es keine Texte, sondern in Worte gebannte assoziative Bildeindrücke. Für den Typographen und Drucker eine wunderbare Möglichkeit, Buchstaben statt Bilder aufs Blatt zu setzen. Vor allem um 1990 beschäftigte sich Reichert intensiv mit der Lyrik Ungarettis und druckte um die zwanzig Gedichte. Dabei konnte jedes einzelne Gedicht in unterschiedlichen Variationen in verschiedenen Drucken erscheinen. Auch unser Gedicht "M'ILLUMINO D'IMMENSO" gibt es in vier oder fünf Varianten. Als Schriftart verwendete Reichert, der bei Professor HAP Grieshaber an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe studiert hatte, hier eine Schrift ohne Serifen, wie sie der Brite Eric Gill entwickelt hatte. "Damit kann ich die Buchstaben sehr eng und klar aneinander rücken und es gibt ein geschlossenes, kompaktes Schriftbild, das dem Wesen dieses Gedichts entspricht", erläutert Josua Reichert dazu. Für den Druck der gelben Linien dienten Bleilinien, die im historischen Bleisatz verwendet werden.

Josua Reichert, seit 2010 Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Jerg-Ratgeb-Preises der HAP Grieshaber-Stiftung in Reutlingen, schneidet die Druckstöcke für große Buchstaben gerne aus PVC aus. Von diesem Fußbodenbelag hat er sich einmal eine ganze Rolle liefern lassen. Mit dem an ein Lineal angelegten Messer kann er scharfe Konturen erzielen, die für seine strukturstarken Drucke grundlegend sind. Die Kurven und Rundungen schneidet er mit der Schere aus. Holz und Linol schätzt der Teilenehmer der documenta 4 in Kassel im Jahre 1968 nicht so, da sie ein unscharfes Druckbild ergeben.

"Die Komposition muss für das Auge richtig sein. Ich probiere solange herum und verschiebe die zu druckenden Teile immer wieder ein wenig, bis ich zufrieden bin. Am schönsten ist es, wenn ich auch noch nach Jahren von einem Blatt sagen kann: Es ist richtig."

Mehrfach konnte Reichert seine Drucke der Ungaretti-Gedichte in Italien selbst in Ausstellungen präsentieren (2007 in Fano, 2008 in Rom in der Casa di Goethe, 2009 in Malcesine). "Da zeigte es sich, ob ich als Deutscher in Italien mit den Drucken von Gedichten eines italienischen Nationaldichters akzeptiert werde. Die Italiener sind da sehr kritisch. Sie sind der Auffassung, dass sie das selbst am besten können und keinen von außerhalb brauchen. Zum Glück konnte ich mit meiner typographischen Qualität überzeugen."

Dr. Evelyn Frick

 

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 4513 (5); Originalgrafik; Hochdruck; gedruckt im September 1989 von Josua Reichert in einer Druckerei in München für "Verlag Galerie Im Unteren Tor Bietigheim"; Portfolio mit vier Typografien, Auflage 1000 Exemplare; die Exemplare 1-290 sind signiert; Höhe 52 Zentimeter, Breite 75 Zentimeter; Erwerb Mai 2014.

Literatur: Josua Reichert. Handdrucke 1971-1994. Verfasser: Heinz Beier. Reutlingen 1995. printing is a way of life. Der Drucker Josua Reichert. Hrsg. Städtisches Kunstmuseum spendhaus Reutlingen. Texte: Wolfgang Glöckner. 2010. Josua Reichert: Palimpsest. Hrsg. Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen. Texte: Josua

Josua Reichert, M'ILLUMINO D'IMMENS, 1989 © Städtische Galerie Rosenheim

Josua Reichert, M'ILLUMINO D'IMMENS, 1989 © Städtische Galerie Rosenheim