Max A. Kuhn, "Alte Mangfallbrücke in Rosenheim", 05.08.1953

Mit impressionistischen Pinseltupfern gibt Max A. Kuhn ein wichtiges Ereignis der Rosenheimer Nachkriegsgeschichte wieder, den Abriss der alten Mangfallbrücke an der Rathausstraße. In seinen Rosenheimer Jahren zwischen 1938 und 1962 hatte der Architektur- und Landschaftsmaler charakteristische Ansichten der Stadt und ihrer Umgebung mit Zeichenstift und Pinsel festgehalten. Kuhn hat für sein skizzenhaftes Ölbild einen Standpunkt auf dem Mangfalldamm gewählt, ungefähr auf der Höhe, wo sich heute dahinter die Dienststelle der Malteser befindet. Mit Chronistenpflicht vermerkte der Kunstpädagoge das genaue Datum unten rechtes unterhalb seiner Signatur, den 5. August 1953.

Die alte Mangfallbrücke war einst eine Eisenbahnbrücke und ein Meilenstein in der Entwicklung Rosenheims im 19. Jahrhundert. Am 2. August 1858 war die damals technisch innovative Brücke feierlich dem Eisenbahnverkehr übergeben worden. Die Bauteile für die "Fischbauch- oder Linsenträgerbrücke", so wegen des typischen Aussehens genannt, lieferte die Maschinenfabrik Klett in Nürnberg. 1847 erst hatte Theodor von Cramer-Klett, der Schwiegersohn des Gründers Johann Friedrich Klett, die Produktion um den Bau von Eisenbahnwaggons, Brücken und den Eisenhochbau erweitert.

1857 war die Großhesseloher Brücke über die Isar als Eisenbahnverbindung zwischen München und Holzkirchen als erste Großbrücke dieser Art in der Weiterentwicklung des Systems durch Friedrich August von Pauli (Pauliträger) in Betrieb gegangen. Nun folgte also die Rosenheimer Mangfallbrücke, über die zuerst die Eisenbahnstrecke Rosenheim-Kufstein und zwei Jahre später die Verbindung Rosenheim-Salzburg führte.

Da sich die Lage des Bahnhofes und der Gleise schnell als zu nahe an der Innenstadt erwies, trafen die Stadtväter mit der Verlegung an die heutige Stelle eine zukunftsweisende Entscheidung. 1876 konnte das neue Bahnhofsgebäude den Betrieb aufnehmen und zwei Jahre später kaufte der Magistrat das alte Bahnhofsgebäude samt den überflüssig gewordenen Gleisanlagen. Der alte Bahnhof wurde zum heutigen Rathaus, die Gleise wurden abgebaut und die Trassen zu Straßen umgewandelt. So wurde diese Mangfallbrücke zur Straßenbrücke in der Rathausstraße.

1939 schon hatte der Rosenheimer Magistrat vor, die Brücke, die damals schon zu schmal für den Verkehr geworden war, abzureißen. Doch wegen der Kontingentierung von Eisen für die Rüstungsindustrie zerschlug sich das Vorhaben. Am 20. Juli 1953 konnte schließlich mit dem Abbruch begonnen werden. Die Eisenteile wurden mit Schneidbrennern zerschnitten und in ein Hüttenwerk zum Einschmelzen geliefert. Aus dem Erlös konnte der Abbruch finanziert werden. Am 29. November 1953 konnte bereits die Eröffnung der neuen Mangfallbrücke gefeiert werden.

Kuhn zeigt uns den Abriss und die Vorbereitungen für den Neubau in einer entscheidenden Situation wie das Oberbayerische Volksblatt am 6. August 1953, einen Tag nachdem der Künstler das Bild gemalt hatte, berichtet: "Mit Hilfe eines rund 15 Meter hohen, auf einem der Pfeiler postierten Gittermasten, wurden die einzelnen Teile der zerschnittenen Eisenkonstruktion hochgehoben und ans Ufer befördert, eine mühevolle Arbeit, die bereits zur Hälfte bewältigt ist. Nur an der rechten Flußseite liegen noch Reste des Brückenveteranen auf den Pfeilern. Gestern waren die Arbeiter dabei, ein Pfahlgerüst für die neue Brückendecke in das Flußbett der Mangfall zu treiben. Als Pfähle wurden großkalibrige Fichtenstämme verwendet, die nun wie die Überreste eines mittelalterlichen Pfahldorfes aus dem Mangfallwasser ragen. Viele Dutzende solcher Stämme sind notwendig, um den Stahlbeton der zukünftigen Brücke tragen zu können. Tag für Tag fällt der zentnerschwere Betonklotz der schwimmenden Pfahlramme auf die dicken Rundlinge. Das hölzerne Behelfsfundament soll nämlich sobald als möglich fertiggestellt werden, um die Arbeiten termingemäß noch in diesem Herbst zum Abschluß bringen zu können."

Der die Bildmitte dominierende Gittermast gehört zu einem Derrick-Kran, dessen spezielle Konstruktion das Heben besonders schwerer Lasten ermöglicht. Zwei Dinge fallen dem heutigen Betrachter ins Auge: die über ein Dutzend Arbeiter, die hier beschäftigt waren, und die unbebaute Fläche im Hintergrund. Hier erheben sich heute die Wohnblöcke an der Innsbrucker Straße.
Der gebürtige Landshuter Max A. Kuhn entstammt zwei bedeutenden Münchner Künstlerfamilien. Der Großvater Max Kuhn sen. (1838-1888) wurde in eine Lithografen-Familie geboren und war selbst ein bekannter Landschafts- und Architekturmaler. Die Großmutter war eine geborene Skell aus der fast noch berühmteren Familie der Gartenarchitekten. Der Vater Max Kuhn jun. (1866-1920) war Theatermaler und der erste Lehrer des Sohnes. Die Schwester des Großvaters ist die Mutter der beiden Maler Emil Thoma (1869-1948) und Karl Thoma-Höfele (1866-1923). Von dieser großen Künstlerfamilie war Max A. Kuhn der letzte malerisch Schaffende.

1938 war der Niederbayer aus Geiselhöring nach Rosenheim als Lehrer für Dekorationsmalerei an der Berufsschule gekommen. Nach seiner Pensionierung zog es Kuhn 1962 wieder zurück in die malerische Kleinstadt westlich von Straubing. Als Jurymitglied des Rosenheimer Kunstvereins, als Lehrer an der Fachschule des Bundesgrenzschutzes und Dozent an der Volkshochschule prägte Kuhn das kulturelle Leben Rosenheims in den Nachkriegsjahren mit.

Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 2902; Öl auf Leinwand; Signiert und bezeichnet unten rechts "Max A. Kuhn 5.8.53"; Bild Höhe 50 cm, Breite 59 cm; Rahmen Höhe 65 cm, Breite 75 cm; Erwerb unbekannt.

Literatur: A. W.-L: Künstler unserer Heimat - Max A. Kuhn. Rosenheimer Tagblatt vom 11.10.1949. Karl Mair, Michael Pilz: Rosenheimer Stadtbilder. Ansichten aus fünf Jahrhunderten. 2. Teil, Rosenheim 2006, S. 229. Evelyn Frick, Walter Leicht: Bildgut. Ansichten von Rosenheim gesammelt 2001 bis 2012. Städtisches Museum Rosenheim. Rosenheim 2013, S. 24. Stefan Freundl: Der Bahnhof am Wegekreuz Rosenheim. Eisenbahngeschichte und Stadtentwicklung. Rosenheim 1985. Maximilian Schreiber, Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN), in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45119> (06.05.2014); Zugriff 16.03.2015. OVB 07.07.1953, 21.07.1953, 06.08.1953, 30.11.1953.

Max A. Kuhn, "Alte Mangfallbrücke in Rosenheim" 05.08.1953 © Städtische Galerie Rosenheim

Max A. Kuhn, "Alte Mangfallbrücke in Rosenheim" 05.08.1953 © Städtische Galerie Rosenheim