Michael Licklederer, Höhere Töchterschule, 1910

1908 konnte die „Städtische Höhere Töchterschule mit Erziehungsinstitut“, die 1890 unter der Leitung der Armen Schulschwestern gegründet worden war, ihr neues und damals richtungsweisendes Schulgebäude mit Internat in der Ebersberger Straße in Rosenheim beziehen. Der aus Salzburg stammende Stadtbaumeister Ferdinand Schlögl (1866-1950) hatte den repräsentativen Bau in den Formen des späten Jugendstils entworfen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude als Lazarett genutzt und anschließend als Loreto-Krankenhaus weitergeführt. Seit 1969 dient es wieder seinem eigentlichen Zweck, leider stark umgebaut und seines Zierrates beraubt, als Schulgebäude für das staatliche Karolinen-Gymnasium, dem Nachfolger der Höheren Töchterschule.

Michael Licklederer zeigt uns das Gebäude zwei Jahre nach seiner Errichtung mit der Eingangsfront von der Ebersberger Straße aus. Der mit Eckrisaliten, Balkonen, einem Spalier, reicher Dachlandschaft und dem Turm für die Hauskapelle (heute Aula) vielfältig gestaltete Bau zeugt von der aufstrebenden Stadt Rosenheim.

Nach dem Besuch von Kunstgewerbeschule (1886-1889) und Akademie (1890-1892) in München bei den Professoren Gabriel von Hackl und Otto Seitz konnte Licklederer bald schon durch Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. Bereits 1888 hatte er im Schaufenster der Buchbinderei Nigg in Rosenheim erste Bilder präsentiert. 1900 zog Licklederer mit Frau Mathilde und den vier Kindern nach Rosenheim und erbaute sich hier die „Villa Künstlerheim“ an der Austraße 12a mit einem großen Atelier im Obergeschoß.

Das umfangreiche Schaffen des erfolgreichen Künstlers konzentrierte sich auf mehrere Schwerpunkte. Als Porträtmaler gestaltete der Naturalist ansprechende Bildnisse bekannter Rosenheimer wie Bürgermeister Josef Wüst oder Stadtpfarrer Anton Mayer. Als Landschaftsmaler hielt er über vier Jahrzehnte die unterschiedlichen Stimmungen unserer Gegend, vor allem rund um den Simssee fest. Zu Recht gilt Licklederer als der „Simssee-Maler“ schlechthin. Als Maler religiöser Kunst verfertigte er Altarbilder und Kreuzwege. Mit großformatigen Wandgemälden zierte der versierte Historienmaler zahlreiche Hausfassaden an der Prinzregentenstraße und am Ludwigsplatz, ebenso die Giebel des Pfarrhofes seines Geburtsortes Pfaffenhofen am Inn (1905) und der Fliegerkapelle (1917) sowie die Südseite des Waisenhauses auf der Schönen Aussicht (1935).

Wie Heinrich Dendl (1854-1925), der aus Wasserburg stammte, fand Licklederer nicht im umtriebigen München seine Heimat, sondern im durchaus überschaubaren Rosenheim. Beide Maler führten im Auftrag von Stadtarchivar Ludwig Eid Aufträge wie das Kopieren von historischen Porträts und Votivtafeln oder die rekonstruierenden Darstellung historischer Gebäude aus.

Text von Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 3452; Öl auf Leinwand; Signatur „M. Licklederer 1910.“ links unten; Höhe 26 cm, Breite 34 cm; Originalrahmen Höhe 52 cm, Breite 61 cm der Firma Emil Plesko, München, Barerstraße 67; Erwerb unbekannt.

Literatur: Hans Heyn: Süddeutsche Malerei aus dem bayerischen Hochland. Rosenheim 1979. Fritz Aigner: Maler am Chiemsee. Prien am Chiemsee 1983. Karl Mair, Michael Pilz: Rosenheimer Stadtbilder. Ansichten aus fünf Jahrhunderten. 2. Teil: Von der Stadterhebung bis in die Gegenwart. Historischer Verein Rosenheim (Hrsg.), Rosenheim 2006. Karl Mair: Die Villa Künstlerheim mit ihrem Zauber. In: OVB 1.9.2011, Eine Stadt und ihre Häuser, Folge 15. Bilder aus Alt-Rosenheim, Stadtarchiv Rosenheim (Hrsg.), Kalenderblatt Juli 2000. Karl Mair: Rosenheims Stadtentwicklung und Architektur im 19. Jahrhundert. In: Manfred Treml, Michael Pilz (Hrsg.): Rosenheim Geschichte und Kultur. Rosenheim 2010. S. 235-257.

 

Licklederer, Michael, Höhere Töchterschule

Licklederer, Michael, Höhere Töchterschule