Michael Licklederer, Präparandenschule, 1911

 

1911 konnte der Unterricht für die jungen Lehramtsanwärter an der Königlichen Präparandenschule in Rosenheim beginnen. Das imposante Gebäude in den Formen des späten Jugendstils, nach den Plänen von Stadtbaumeister Ferdinand Schlögl, setzte einen städtebaulichen Akzent. Hier kreuzen sich Straßen, die damals nach dem Prinzregenten, den Hohenzollern und dem bayerischen General Ludwig von der Tann benannt wurden. Wohlhabende Rosenheimer bauten sich hier ihre Villen. 1925 zog das neu gegründete Holztechnikum in das mittlerweile leer stehende Schulgebäude ein und 1969 übernahm es die Grundschule.

Michael Licklederer bietet eine Prospektansicht des neuen Baus und tatsächlich wurde das Motiv auch als Postkarte vertrieben. Als realistische Vedute zeigt uns der Maler diagonal über die Kreuzung die Ost- und die Südfassade mit dem Haupteingang im Gebäudezwickel und dem runden Turm, in dem eine Wendeltreppe in die Wohnung des Schulleiters, heute des Hausmeisters, führt.

Nach dem Besuch von Kunstgewerbeschule (1886-1889) und Akademie (1890-1892) in München bei den Professoren Gabriel von Hackl und Otto Seitz konnte Licklederer bald schon durch Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. Bereits 1888 hatte er im Schaufenster der Buchbinderei Nigg in Rosenheim erste Bilder präsentiert. 1900 zog Licklederer mit Frau Mathilde und den vier Kindern nach Rosenheim und erbaute sich hier die „Villa Künstlerheim“ an der Austraße 12a mit einem großen Atelier im Obergeschoß.

Das umfangreiche Schaffen des erfolgreichen Künstlers konzentrierte sich auf mehrere Schwerpunkte. Als Porträtmaler gestaltete der Naturalist ansprechende Bildnisse bekannter Rosenheimer wie Bürgermeister Josef Wüst oder Stadtpfarrer Anton Mayer. Als Landschaftsmaler hielt er über vier Jahrzehnte die unterschiedlichen Stimmungen unserer Gegend, vor allem rund um den Simssee fest. Zu Recht gilt Licklederer als der „Simssee-Maler“ schlechthin. Als Maler religiöser Kunst verfertigte er Altarbilder und Kreuzwege. Mit großformatigen Wandgemälden zierte der versierte Historienmaler zahlreiche Hausfassaden an der Prinzregentenstraße und am Ludwigsplatz, ebenso die Giebel des Pfarrhofes seines Geburtsortes Pfaffenhofen am Inn (1905) und der Fliegerkapelle (1917) sowie die Südseite des Waisenhauses auf der Schönen Aussicht (1935).

Wie Heinrich Dendl (1854-1925), der aus Wasserburg stammte, fand Licklederer nicht im umtriebigen München seine Heimat, sondern im durchaus überschaubaren Rosenheim. Beide Maler führten im Auftrag von Stadtarchivar Ludwig Eid Aufträge wie das Kopieren von historischen Porträts und Votivtafeln oder die rekonstruierenden Darstellung historischer Gebäude aus. In offiziellem Auftrag entstanden so wohl auch die „Präparandenschule“ 1911 und „Die Höhere Töchterschule“ 1910. Beide künden von der aufstrebenden Stadt Rosenheim.

Text von Dr. Evelyn Frick

Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 3453; Öl auf Leinwand; Signatur „M. Licklederer 1911.“ links unten; Höhe 36 cm, Breite 56,5 cm; ohne Rahmen; Erwerb unbekannt.

Literatur: Hans Heyn: Süddeutsche Malerei aus dem bayerischen Hochland. Rosenheim 1979. Fritz Aigner: Maler am Chiemsee. Prien am Chiemsee 1983. Karl Mair, Michael Pilz: Rosenheimer Stadtbilder. Ansichten aus fünf Jahrhunderten. 2. Teil: Von der Stadterhebung bis in die Gegenwart. Historischer Verein Rosenheim (Hrsg.), Rosenheim 2006. Karl Mair: Die Villa Künstlerheim mit ihrem Zauber. In: OVB 1.9.2011, Eine Stadt und ihre Häuser, Folge 15. Martin Löwe: Geschichte der Prinzregentenschule. Auf www.prinzregentenschule.de aufgerufen am 15.8.2012.

 

Licklederer, Michael, Präparandenschule

Licklederer, Michael, Präparandenschule