Sechs querliegende Blockstreifen bilden den Hintergrund. Das kräftig-dunkle Orange ganz oben wandelt sich dabei über vier immer heller werdende Orangefarben zu einem harten Zitronengelb. In der Mitte stürzt vom obersten Orangebalken ein kräftiges Pink in einem exakten Rechteck nach unten, lockert sich auf in einzelne Farbspots vor Weiß, endet schließlich im Zitronengelb. Die intensiven Tagesleuchtfarben glühen vor Energie.
Der vorliegende Siebdruck entstand aus einer Plakatserie für eine Geiger-Retrospektive, die 1985 in der Akademie der Künste in Berlin, dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein und der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf gezeigt wurde. Das Düsseldorfer-Plakat überzeugte durch sein Format und die ansprechenden Proportionen, so dass Rupprecht Geiger davon, ohne den unteren Schriftzug mit den Ausstellungsdaten, zehn zusätzliche Exemplare drucken ließ (römisch nummeriert, bezeichnet mit "f. a." = "für Artiste" und signiert). Das Rosenheimer Exemplar ist in diesem Zusammenhang entstanden, verweist jedoch mit der rückseitigen Bezeichnung "207/S 16" und ohne Signatur auf eine weitere Auflagenserie.
Die Farbe ist das Kernthema im Schaffen des Münchners Rupprecht Geiger. Da jedoch Farbe auch einen Träger braucht, auf dem sie wirken und agieren kann, entschied sich der Sohn des Malers Willi Geiger (1878-1971) - von dem wir zuvor hier im Vorraum der Galerie eine Chiemseelandschaft gezeigt haben - bereits früh für klare geometrische Formen. Darin mag sich durchaus der Beruf des Künstlers wiederspiegeln, der eigentlich Architekt war. So können die Leuchtfarben, die Rupprecht Geiger 1955 als künstlerisches Medium für sich entdeckt hatte, auf Quadrat und Rechteck, Kreis und Oval ihre pulsierende Intensität voll entwickeln. Die Farben des Vertreters der gegenstandslosen Malerei sind nicht an Objekte gebunden, müssen keine Wirklichkeit nachzeichnen, sondern können das sein, was sie sind: Farben. Die geometrischen Formen geben ihnen Grund und Halt, Struktur und Aufbau, unterstützen sie in ihrer Wirkung, unterstreichen das Spiel der Kontraste, vertiefen ihr Eigenleben.
Als Willi Geiger Mitte der 1920er Jahre mit seiner Familie einen beruflichen Neuanfang in Spanien suchte, konnte der Sohn Rupprecht das Licht und die Farben des Südens in sich aufnehmen, die erdigen Töne Kastiliens, das Grün und Schwarz der Kanaren und das warme Rotbraun Marokkos sowie den blauen Himmel darüber.
Als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Polen und Russland, als Kriegsmaler in der Ukraine (1943) und in Griechenland (1944) hielt Rupprecht Geiger in seinem Tagebuch und in Aquarellen kriegszerstörte Landschaften in ihrer typischen Stimmung fest und entwickelte sich so autodidaktisch zum Maler. "Der Himmel ist von beispielloser Farbenpracht und von unglaublicher Weite. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Ein Morgenhimmel ist am Horizont, blaugrau und geht nach oben in violett über, dann ganz schnell über gelb u. grün zu stahlblau. Oder am Horizont weißgelb dann etwas zitronengelb und über den halben Himmel hoch lachsrot. Oder violett am Horizont dann schnell gelb grün und dann zu blau." (Kriegstagebuch, 17.11.1941, Wjasma - zwischen Smolensk und Moskau)
Geiger ging konsequent seinen Weg als Maler weiter, auch wenn er bis 1962 zusammen mit seiner Frau Monika hauptberuflich als Architekt tätig war. Im August 1945 war er bereits dabei in der mittlerweile legendären ersten Kunstausstellung in Deutschland nach dem Krieg, in Prien am Chiemsee. 1948 entstanden erste abstrakte Bilder und Druckgrafik-Editionen. 1949 gab Rupprecht Geiger in München den Anstoß zur Gründung der progressiven Künstlergruppe ZEN 49, in der Vertreter der gegenstandslosen Malerei, darunter Willi Baumeister und Fritz Winter, dem Publikum einen künstlerischen Neuanfang verständlich machen wollten.
In den 1950er Jahren wandte sich Geiger immer mehr von der abstrakten Malerei ab und entwickelte seine für ihn ganz typischen modulierten Farbfelder mit der sich steigernden Farbintensität. Von 1965 bis 1976 hatte Geiger an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf eine Professur für Malerei. Hier begann er sein Arbeiten mit der Spritzpistole und den Acrylfarben. Nebenan tobte sich Joseph Beuys (1921-1986) in der Bildhauerklasse bei Installationen und Happenings aus.
Viermal war Rupprecht Geiger auf der documenta in Kassel vertreten (d II 1959, d III 1964, d IV 1968 und d VI 1977). Gerade auf der documenta II, deren Schwerpunkt der Kunsthistoriker Werner Haftmann auf die abstrakte Malerei gelegt hatte und dabei erstmals stärker US-amerikanische Künstler wie Jackson Pollock oder Mark Rothko mit einbezog, durfte Geiger nicht fehlen.
Rupprecht Geiger, der in seinem langen, fast 102 Jahre währenden Leben zahlreiche Ausstellungen bespielt und Ehrungen und Auszeichnungen entgegengenommen hatte, wirkt heute vor allem durch seine Arbeiten im öffentlichen Raum. Am bekanntesten dürfte sein "Gerundetes Blau" (1987), scherzhaft Nivea-Dose genannt, vor dem Kulturzentrum Gasteig in München sein.
Bereits 1951 wirkte Geiger an der Gestaltung der Eingangsfront des Münchner Hauptbahnhofes mit und entwarf das 30 Meter lange Mosaik aus farblich gefassten Aluminiumplatten. Seit 1989 geben großflächige Farbtafeln in den Geigerschen Lieblingsfarben Rot und Pink dem U-Bahnhof Machtlfinger Straße im Münchner Süden sein charakteristisches Aussehen.
In den ehemaligen Atelierräumen in der Muttenthalerstraße 26 in München-Solln befindet sich seit 2010 das "Archiv Geiger", das das Werk des Künstlers pflegt, erarbeitet und dem interessierten Publikum durch verschiedene Aktionen nahe bringt. Rosenheim zeigte letztmals 1992 in einer umfassenden Einzelausstellung das Werk dieses ewig Jungen.
Da Farbe zentral für Rupprecht Geiger war, lassen wir ihn nochmals zu seinem Lebensthema zu Wort kommen: "Wie sieht Farbe wirklich aus? Farbe kann nicht richtig gesehen werden. Wenn wir sie anschauen, ist sie oft nur ein Symbol für eine Stimmung, für vermittelte Illusion. Um Farbe wirklich zu sehen, muss man die Augen schließen und an sie denken." Rupprecht Geiger 1975
Dr. Evelyn Frick
Städtische Galerie Rosenheim, Depot. Inventarnummer 3155 A; Siebdruck auf Papier; rückseitig links oben bezeichnet "207/S 16"; Höhe 69,4 cm, Breite 59,4 cm; Erwerb 1992 anlässlich der Einzelausstellung "Rupprecht Geiger" vom 24. April bis 7. Juni 1992 in der Städtischen Galerie Rosenheim.
Literatur: Ausstellungskatalog "Rupprecht Geiger" Städtische Galerie Rosenheim. Rosenheim 1992. Rupprecht Geiger: Werkverzeichnis der Druckgrafik 1948-2007. Hrsg. von der Rupprecht-Geiger-Gesellschaft Städtische Galerie im Lenbachhaus, München. Bearbeitet von Julia Geiger. München, Berlin, London, New York 2007. Hier S. 202. Rupprecht Geiger 2014. Kalender. Hrsg. von der NORD/LB, Norddeutsche Landesbank Girozentrale, Hannover; in Zusammenarbeit mit dem Archiv Geiger unter Julia Geiger. Julia Geiger: Werkbeschreibung "Ohne Titel" (Landschaft), 1942 (WV 3) [30.01.2014]. In: http://blog.archiv-geiger.de/?p=557. Zugriff vom 12.02.2014.

